{"id":5341,"date":"2018-07-22T21:45:26","date_gmt":"2018-07-22T19:45:26","guid":{"rendered":"http:\/\/morningfog.de\/?p=5341"},"modified":"2018-07-22T21:55:38","modified_gmt":"2018-07-22T19:55:38","slug":"das-song-abc-kite","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/morningfog.de\/?p=5341","title":{"rendered":"Das Song-ABC: Kite"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/?attachment_id=2606\" rel=\"attachment wp-att-2606\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-2606\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc.jpg\" alt=\"\" width=\"620\" height=\"95\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc.jpg 620w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc-300x45.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/a>Das ist ein Lied f\u00fcr den Sommer, so leicht, fr\u00f6hlich und unbeschwert im \u201esanften Reggae-Rhythmus\u201c [1] kommt es daher. Die Stimme t\u00e4nzelt und jubiliert \u00fcber den Bassfundamenten und schwingt sich zu fast ekstatischen H\u00f6hen empor, wenn der Drache \u201eover the moon\u201c hinausschie\u00dft. Dies ist der erste Eindruck beim H\u00f6ren und auch den Biographen f\u00e4llt nicht viel mehr dazu ein. Jovanovic [2] stellt immerhin fest, das die Strophen \u201etats\u00e4chlich gewisses Reggae-Feeling\u201c haben, dass aber der Refrain \u201ewieder in klassisches Rockterrain\u201c f\u00fchrt.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/morningfog.de\/?attachment_id=5342\" rel=\"attachment wp-att-5342\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-5342\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/kite1-400.jpg\" alt=\"\" width=\"393\" height=\"396\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/kite1-400.jpg 393w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/kite1-400-150x150.jpg 150w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/kite1-400-298x300.jpg 298w\" sizes=\"auto, (max-width: 393px) 100vw, 393px\" \/><\/a>Worum geht es in diesem Song? Ist es ein leichtgewichtiger Sommer-Sonne-Liebe-Text, den man schnell beiseite legen kann? Es ist das Gegenteil, die fr\u00f6hliche Stimme erz\u00e4hlt eine fast schon unheimliche Geschichte. Die Protagonistin f\u00fchlt sich gefangen in ihrem Leben (\u201eMy feet are heavy and I&#8217;m rooted in my wellios \/ And I want to get away and go\u201c). Da tritt sie in Kontakt mit einer \u00fcberirdischen Macht (\u201eThere&#8217;s a hole in the sky \/ With a big eyeball \/ Calling me\u201c), die ihr anbietet, sie aus ihrem Leben herauszuholen und in einen zweidimensionalen Papierdrachen zu verwandeln (\u201eCome up and be a kite\u201c). Sie wird verwandelt, es ist faszinierend und fremdartig \u201eover the moon\u201c, doch sie sehnt sich zur\u00fcck nach ihrer alten Existenz. Aber sie findet den Weg nicht mehr (\u201eWell, I&#8217;m not sure if I want to be up here, at all. \/ And I&#8217;d like to be back on the ground \/ But I don&#8217;t know how to get down, down, down!\u201c). Fast den ganzen Song \u00fcber kann man diesen Wunsch nach der R\u00fcckkehr h\u00f6ren, im Hintergrund taucht an verschiedenen Stellen leise ein \u201eI wanna be home\u201c bzw. \u201eI&#8217;d like to be down\u201c auf, eine zweite Stimme hinter der Erz\u00e4hlung selbst.<br \/>\nKate Bush best\u00e4tigt in einem Interview, dass es genau um diesen Zwiespalt zwischen Wunsch und Wirklichkeit geht: \u201eIn the song the character starts to feel that he is rooted to the ground, but there is a force pulling him up to the sky. A voice calls out, &#8218;Come up and be a kite,&#8216; and he is drawn up to the sky and takes the form and texture of a kite. Suddenly he&#8217;s flying &#8218;like a feather on the wind,&#8216; and for a while he enjoys it, but the longing for home and the security of the ground overtake these feelings.&#8220; [4]<br \/>\n<span class=\"_3oh- _58nk\">Graeme Thomson mutma\u00dft, der Song spiegele die psychische Befreiung und die psychische Wandlung wider, die Kate Bush beim Tanzen erfahren hat [1]. Mit dieser Deutung kann ich mich nicht anfreunden &#8211; warum dann der Wunsch, wieder zur\u00fcckverwandelt zu werden? Vielleicht geht es eher um die Verwandlung einer privaten Person in eine Person der \u00d6ffentlichkeit, die &#8211; einmal vollzogen &#8211; kaum noch umkehrbar ist. Die Plattenaufnahmen bedeuteten einen Schritt aus dem Privaten heraus, es ging los mit der Musik, es begann eine neue Zeit &#8211; das war verlockend, aber wohl auch ein bisschen erschreckend. Kate Bush wusste nicht, wie sich das entwickeln wird.<\/span><br \/>\nKate Bush bezeichnete \u201eKite\u201c als ihren \u201eBob-Marley-Song\u201c [2], gab aber zu, dass er nicht leicht als ein solcher zu erkennen war \u201cIt was sparked off when I sat down to try and write a Pink Floyd song, something spacey; though I&#8217;m not surprised no-one has picked that up, it&#8217;s not really recognisable as that&#8211;in the same way that people haven&#8217;t noticed that Kite is a Bob Marley song, and Don&#8217;t Push Your Foot on the Heartbrake is a Patti Smith song.\u201c [3] Kate Bush spielt mit Elementen des Reggae und dies best\u00e4tigt ein Blick auf die Noten [6]. Der Song ist haupts\u00e4chlich im 4\/4-Takt gehalten, es gibt aber Einsch\u00fcbe von 2\/4-Takten an den Enden der Strophen und l\u00e4ngere Passagen im 3\/4-Takt. Diese 3\/4-Passagen finden sich haupts\u00e4chlich in den Chorus-Abschnitten (z.B. ab \u201eooh what a diamond\u201c). Der 3\/4-Takt findet sich auch in der Coda, die dann aber im 4\/4-Takt endet. Diese rhythmischen Abweichungen sind f\u00fcr einen Reggae nicht typisch, der normalerweise im 4\/4-Takt steht und seine Spannung nicht aus metrischen Wechseln bezieht [7].<br \/>\n<a href=\"http:\/\/morningfog.de\/?attachment_id=5343\" rel=\"attachment wp-att-5343\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-5343\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/kite2-400.jpg\" alt=\"\" width=\"380\" height=\"423\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/kite2-400.jpg 400w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/kite2-400-270x300.jpg 270w\" sizes=\"auto, (max-width: 380px) 100vw, 380px\" \/><\/a>Weiter kennzeichnend f\u00fcr den Reggae ist eine Verschiebung der Taktschwerpunkte, die dieses ganz spezielle Reggae-Feeling erzeugen. \u201eBeim urspr\u00fcnglichen Reggae-Schlagzeug f\u00e4llt auf, dass die Z\u00e4hlzeit 1 nicht betont wird. Der typische Reggae-Grundschlag hat den Betonungsschwerpunkt auf der Z\u00e4hlzeit 3 und wird meist von Bass- und Snare-Drum ausgef\u00fchrt: Das Hi-Hat betont in der Regel die Afterbeats auf den Z\u00e4hlzeiten 2 und 4, die von Gitarre und\/oder Keyboard gespielt werden.\u201c [7]. Diese den Song zum Tanzen bringenden Verschiebungen sind vielleicht das Kennzeichen, das auf \u201eKite\u201c am meisten zutrifft. Die Band hatte freie Hand, \u00fcber den feststehenden Akkorden und unter der Melodie zu improvisieren [2] und hat vielleicht diese Reggae-Effekte herausgearbeitet.\u00a0\u00a0Der Song steht haupts\u00e4chlich in B-Dur. Es gibt fast nur Dur-Akkorde im Song, nur ganz selten erscheinen Moll-Akkorde [6]. Dies sorgt f\u00fcr den fr\u00f6hlichen Eindruck, die der Song vermittelt. Auch das ist f\u00fcr Reggae nicht typisch. \u201eIm harmonischen Bereich unterscheidet sich der Reggae von anderen Arten der bluesbezogenen popul\u00e4ren Musik, wie auch von seinem Vorl\u00e4ufer, dem Ska, durch die h\u00e4ufige Verwendung von Moll-Akkorden.\u201c [7]<br \/>\nEs gibt k\u00fcrzere Ausweichungen nach C-Dur mit der Akkordfolge C-Dur\/G-Dur\/F-Dur\/G-Dur [6]. Dies taucht immer dann auf, wenn es um den Kontakt mit der \u00fcbernat\u00fcrlichen Macht geht bzw. um die Konsequenzen der Verwandlung (\u201eMy feet are heavy &#8230;. And I want to get away and go\u201c, \u201eAnd then I find it out &#8230;. There\u2018s a hole in the sky\u201c, \u201el\u2018m 2.D. after a push &#8230;. I love the homeland\u201c, \u201eWell I\u2018m not sure &#8230; And I\u2018d like to be back\u201c). Diese beiden Haupttonarten spiegeln dabei sehr fein den Konflikt der Protagonistin zwischen Verlockung (B-Dur: noch nicht das Licht selbst, aber die Ahnung des Lichts, die Hoffnung des Lichts, der Glaube an das Licht [8]) und n\u00fcchterner Betrachtung (C-Dur: der Durchbruch des Lichts, die Tonart des klaren Lichts [8]) wieder.<br \/>\nInsgesamt werden im Song eine Vielzahl von Akkorden verwendet. Auch dies ist f\u00fcr einen Reggae nicht typisch, da sich viele Reggae-Songs auf die Verwendung von zwei Akkorden beschr\u00e4nken [7]. Die Verwendung der zweiten mit dem C-Dur-Akkord beginnende Akkordfolge neben dem B-Dur findet sich aber vage im Reggae-Schema wieder. \u201eDem melodischen Prinzip, gr\u00f6\u00dfere Intervalle zu vermeiden, entspricht die Tendenz, Akkorde zu gebrauchen, deren Grundt\u00f6ne nur einen Ganzton auseinanderliegen.\u201c Gr\u00f6\u00dfere Intervalle werden allerdings im Song nicht vermieden. \u201eKite\u201c ist also kein reinrassiger Reggae. Das Reggae-Gef\u00fchl wird haupts\u00e4chlich durch die Akzentverschiebungen ausgel\u00f6st. Kate Bush spielt mit Elementen des Reggae, deutet sie an, schmilzt sie in die Struktur ein, integriert die Elemente in ihr musikalisches Universum. Das \u201eKite\u201c mit seinem Zwiespalt zwischen Wunsch und Wirklichkeit f\u00fcr Kate Bush ein wichtiger Song ist, ist auch daran zu erkennen, dass es die Thematik auf das Cover des Albums geschafft hat. Die Protagonistin h\u00e4ngt an einem bunten Papierdrachen, im Hintergrund ist eine Andeutung des riesigen Auges des \u00fcberirdischen Wesens zu sehen. Kate Bush gibt aber zu, dass alle Beteiligten hier im \u00dcberschwang des kreativen Prozesses ein bisschen \u00fcber das Ziel hinausgeschossen sind.<br \/>\n\u201eI think it went a bit over the top, actually. We had the kite, and as there is a song on the album by that name, and as the kite is traditionally oriental, we painted the dragon on. But I think the lettering was just a bit too much. No matter.\u201c [5] Die so im Cover erzeugte Fremdartigkeit passt aber gut zum abgr\u00fcndigen Text (und nat\u00fcrlich auch zum Album und zur K\u00fcnstlerin, weit weg vom Mainstream). \u201eKite\u201c ist ein Sommersong mit Tiefgang, in dem die Stimme wie ein bunter hin und her schwingender Papierdrache auf und ab tanzt. <em>\u00a9 <strong>Achim\/aHAJ<\/strong><\/em><\/p>\n<p>[1] Graeme Thomson: Kate Bush. Under the ivy. 2013. Bosworth Music GmbH, S.109 u. S.116<br \/>\n[2] Rob Jovanovic, Kate Bush. Die Biographie. 2006. Koch International GmbH\/Hannibal. H\u00f6fen.\u00a0S.68<br \/>\n[3] Kate Bush: &#8222;Hello Everybody&#8220; &amp; Interview. KBC Ausgabe 2 (Sommer 1979).<br \/>\n[4] Robert Henschen: She&#8217;ll Crush The Lily In Your Soul. The Music Journal. Dezember 1978<br \/>\n[5] Donna McAllister: You Don&#8217;t Have To Be Beautiful&#8230; Sounds. 11. M\u00e4rz 1978<br \/>\n[6] \u201eKate Bush Complete\u201d. EMI Music Publishing \/ International Music Publications. London. 1987.\u00a0 S.113f<br \/>\n[7] <a href=\"http:\/\/www.james.de\/reggae\/reggae07.htm\">http:\/\/www.james.de\/reggae\/reggae07.htm<\/a> (gelesen 08.07.2018) [8] Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999.\u00a0 S.245 und S.71<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ist ein Lied f\u00fcr den Sommer, so leicht, fr\u00f6hlich und unbeschwert im \u201esanften Reggae-Rhythmus\u201c [1] kommt es daher. Die Stimme t\u00e4nzelt und jubiliert \u00fcber den Bassfundamenten und schwingt sich zu fast ekstatischen H\u00f6hen empor, wenn der Drache \u201eover the moon\u201c hinausschie\u00dft. 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