{"id":4974,"date":"2017-11-07T07:29:58","date_gmt":"2017-11-07T06:29:58","guid":{"rendered":"http:\/\/morningfog.de\/?p=4974"},"modified":"2017-11-07T17:45:53","modified_gmt":"2017-11-07T16:45:53","slug":"das-song-abc-an-architects-dream","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/morningfog.de\/?p=4974","title":{"rendered":"Das Song-ABC: An Architect&#8217;s Dream"},"content":{"rendered":"<p>Ungew\u00f6hnlich beginnt dieser Song. Ein Mann spricht &#8211; ohne Begleitung durch Musik &#8211; zu sich: &#8222;Yes, I need to get that tone a little bit lighter there. Maybe with some dark accents coming in from the side. Hmm&#8230; that&#8217;s good&#8220;\u00a0 [1]. Der Mann ist ein Maler, und folgerichtig wird dieser Text auch von einem Maler gesprochen, von\u00a0 Rolf Harris. Dann beginnt der eigentliche Song. Aber ist das nicht eher eine Meditation, eine dahingeworfene, genialische Improvisation? Ist es nicht eher ein impressionistisches, dahingetupftes Bild? Die Protagonistin beobachtet den Stra\u00dfenmaler, darum geht es vordergr\u00fcndig im Text. Aber f\u00fcr mich singt Kate Bush auch \u00fcber sich selbst und \u00fcber ihre Art des Komponierens:\u00a0 &#8222;[&#8230;] and also there one gets the impression, that she is singing about herself. About how the light changes while you are trying to catch it, and in the end the most satisfying part is the spot that wound up in the canvas by mistake.&#8220; [2]<br \/>\nNach der gesprochenen Einleitung setzt instrumental eine sich durch das ganze Lied ziehende Begleitung aus Rhythmusinstrumenten (Drums, Shaker) in Achteln ein. Es klingt wie das Ticken der Zeit &#8211; oder versinnbildlicht, wie der Pinsel des Malers Farbklecks um Farbklecks auf die Stra\u00dfe setzt. Ich h\u00f6re Konzentration in diesem Rhythmus (vielleicht, weil ich selbst bei konzentriertem Arbeiten \u00e4hnliche Folgen vor mich hin summe).<br \/>\n<a href=\"http:\/\/morningfog.de\/?attachment_id=2441\" rel=\"attachment wp-att-2441\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-2441\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/bertie.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"345\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/bertie.jpg 400w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/bertie-300x258.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a>Das Lied ist in cis-Moll geschrieben, streng im 4\/4-Takt. Die dominierende Akkordfolge ist cis-Moll\/Fis-Dur. Diese Akkorde wechseln \u00fcber weite Strecken einander ab und verschleiern die Tonart (cis-Moll? Fis-Dur?) [1]. Cis-Moll ist die Sehnsuchtstonart, sie er\u00f6ffnet in uns allen verborgene Quellen der Sehnsucht [3]. Fis-Dur ist die Tonart des Sonnenuntergangs, hier leuchten in der Musik die Sterne auf. Sie steht f\u00fcr den \u00dcbergang von der Sinnenwelt in die geistige Welt, sie hat etwas tief Ruhevolles, nach dem Gleichgewicht suchendes [3].<br \/>\nDie Begleitung durch die Grundakkorde ist ein ganz langsames Hin-und-Her-Wiegen. Meist bestimmt ein Akkord den ganzen Takt. Eine fast hypnotische Ruhe und Versunkenheit wird so erzeugt. &#8222;Watching the painter painting&#8220; &#8211; voller Faszination beobachtet die Protagonistin den Maler. Die Musik n\u00e4hert sich malerischen Stilmitteln an &#8211; die Akkorde erwecken das Bild von breiten Farbfl\u00e4chen, auf die der Rhythmus seine impressionistischen Lichtpunkte setzt.<br \/>\nAn einigen Stellen gibt es eine fast aufgeregte Verdichtung &#8211; z.B. auf &#8222;And it&#8217;s the best mistake he could make&#8220; &#8211; bestehend aus um cis-Moll und Fis-Dur kreisende, erweiterte Akkorde in Achtelnotenketten. Weitere dieser Akkordfolgen folgen ab &#8222;on a pavement&#8220; in &#8222;Whenever he works on a pavement&#8220; und ab &#8222;the light is changing&#8220; in &#8222;And all the time the light is changing&#8220;. Das Herzklopfen ist zu sp\u00fcren, wenn etwas Unvorhergesehenes w\u00e4hrend des Malens geschieht. All dies ist z\u00e4rtlich gesungen, innig. Bei &#8222;Curving and sweeping \/ rising and reaching \/ I could feel what he was feeling&#8220; wird es fast t\u00e4nzerisch, die Protagonistin wird sp\u00fcrbar mitgerissen. Kate Bush ist fasziniert von Malerei, es ist eine Kunstart, die sie nicht beherrscht und gerade deswegen so bewundert. F\u00fcr Kate Bush ist das Komponieren mehr wie Film, hier entfalten sich Bilder in der Zeit &#8211; genau diese Schnittstelle zwischen Malerei und Film wird in diesem Song thematisiert. Der Akt des Entstehens eines Gem\u00e4ldes &#8211; das ist \u00e4hnlich wie das Komponieren, von Zufall und Gl\u00fcck (und Vorsehung) bestimmt.<br \/>\n&#8222;I love paintings&#8230; I love paintings. I really get a buzz out of seeing a beautiful painting, and it&#8217;s something I can&#8217;t do. But I suppose in a way, I think of it being more of a kind of moving image&#8230;what I do, because it&#8217;s connected with the unfolding of time. It&#8217;s much more like a movie where, in a lot of ways it is visual for me.&#8220; [4]<br \/>\nWeitere subtile Verkn\u00fcpfungen sind zu finden. Die verdichtete Herzklopfen-Akkordfolge gibt es auch bei der instrumentalen Stelle, die nach &#8222;So the lovers beginn with a kiss&#8220;\u00a0 beginnt. Gl\u00fcckliche Zuf\u00e4lle gibt es nicht nur in Malerei und Musik, sie gibt es auch in der Liebe. Das Herzklopfen ist gleich, wenn etwas unerwartet Gutes passiert.\u00a0 Interessant ist die Stelle, in der es um den Songtitel geht. Zur Textzeile &#8222;an architect&#8217;s dream&#8220;\u00a0 gibt es vor &#8222;dream&#8220; eine kurze Pause und dann eine fast dramatische Betonung auf &#8222;dream&#8220;. Was durch Kunst und Natur entsteht hat die Qualit\u00e4t eines wahr gewordenen Traumes. Dies f\u00fcgt eine fast metaphysische Ebene dazu. Der Maler und sein Werk sind Sinnbild f\u00fcr das Leben an sich, die Sch\u00f6pfung, die unabl\u00e4ssige Evolution. F\u00fcr die Freimaurer ist Gott der gro\u00dfe Architekt des Universums, was\u00a0 vielleicht den etwas geheimnisvollen Titel des Songs erkl\u00e4ren k\u00f6nnte [5]. Der &#8222;Deal with god&#8220; ist gelungen &#8211; Protagonistin und Maler sind eins, verstehen einander.<br \/>\nZum Ausklang l\u00e4uft der tickende Rhythmus aus, Donner ist schwach zu h\u00f6ren und ganz leise Vogelstimmen. Das Lied ist in den Gesamtkontext der Sky-Seite von &#8222;Aerial&#8220; integriert. &#8222;The Painter&#8217;s Link&#8220; wandelt sich dann wieder nach H-Dur, die sonnenwarme Realit\u00e4t wendet sich wieder ins Mystische [1].\u00a0 &#8222;An Architect&#8217;s dream&#8220; ist offenbar das erste Lied dieser Seite gewesen, die Keimzelle des Konzeptalbums. Es entstand 1998, w\u00e4hrend sie mit ihrem Sohn Albert schwanger war [6]. Die Freude \u00fcber dieses vielleicht unerwartete Ereignis spiegelt sich im ganzen Song wieder. Faszination. Z\u00e4rtlichkeit, Gl\u00fcck, Bewunderung, Freude, W\u00e4rme, die Wechselbeziehung zwischen Kunst und Natur &#8211; all das sind die Inhalte. Diese Gef\u00fchle waren vielleicht so intensiv, dass sie zur Entfaltung eines ganzen Albums gef\u00fchrt haben. Und auch das ist f\u00fcr mich ein gl\u00fcckliches, faszinierendes Ereignis.\u00a0 \u00a0\u00a0 (\u00a9 <strong>Achim\/aHAJ<\/strong>)<\/p>\n<p>[1] Kate Bush: Aerial (Songbook), London 2006. Faber Music Ltd. S.77f<br \/>\n[2] Nils Hansson: &#8222;Surrealistic Washing&#8220;. Dagens Nyheter. 09.11.2005.<br \/>\n[3] Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999. S.268 (cis-Moll) und S.102ff (Fis-Dur).<br \/>\n[4] Hugo Cassavetti: &#8222;C\u2019est Lenoir&#8220;, Interview Radio France, 11.11.2005.<br \/>\n[5] diverse Quellen. z.B.\u00a0<a href=\"http:\/\/freimaurer-wiki.de\/index.php\/Bible_moralisee\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/freimaurer-wiki.de\/index.php\/Bible_moralisee<\/a> (gelesen 28.08.2017)<br \/>\n[6] N.N.: &#8222;I&#8217;m not some weirdo recluse&#8220;. The Guardian. 28.10.2005<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ungew\u00f6hnlich beginnt dieser Song. Ein Mann spricht &#8211; ohne Begleitung durch Musik &#8211; zu sich: &#8222;Yes, I need to get that tone a little bit lighter there. Maybe with some dark accents coming in from the side. Hmm&#8230; that&#8217;s good&#8220;\u00a0 [1]. 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