{"id":4901,"date":"2017-10-02T13:49:50","date_gmt":"2017-10-02T11:49:50","guid":{"rendered":"http:\/\/morningfog.de\/?p=4901"},"modified":"2017-10-02T14:02:11","modified_gmt":"2017-10-02T12:02:11","slug":"paddy-bush-und-die-musik-madagaskars-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/morningfog.de\/?p=4901","title":{"rendered":"Paddy Bush und die Musik Madagaskars (Teil 1)"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_4903\" style=\"width: 617px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/?attachment_id=4903\" rel=\"attachment wp-att-4903\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4903\" class=\"wp-image-4903 size-full\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/paddy-bush-01-1.jpg\" alt=\"\" width=\"617\" height=\"538\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/paddy-bush-01-1.jpg 617w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/paddy-bush-01-1-300x262.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 617px) 100vw, 617px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4903\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Forum Schlossplatz\/Nadine Schneider<\/p><\/div>\n<p>Bis in die letzte Stuhlreihe ist der kleine Saal im Forum Schlossplatz besetzt. Als ein \u201eOrt der Reflexion und Debatte\u201c stellt sich die seit 1994 im schweizerischen Aarau bestehende Einrichtung dar. Das Publikum soll hier \u201czur Auseinandersetzung mit kulturellen und gesellschaftlichen Fragen der Gegenwart\u201c angeregt werden. Daf\u00fcr haben die Macher aber auch wirklich eine sch\u00f6ne St\u00e4tte gefunden: eine alte Villa, die hoch \u00fcber der Aare thront, am Eingang zur Altstadt der Aargau-Metropole mit ihren trutzigen H\u00e4usern. Was hier gleich passieren wird, darauf weisen in diesem sch\u00f6nen Saal mit seinen knarrenden Dielenb\u00f6den und dem Kronleuchter zwei Dinge hin: Vorne, auf einem kleinen Podest, ruht ein l\u00e4nglicher Metallkasten mit Saiten, den man als Experte vielleicht als die Zither Marovany erkennt. Und an der Wand ist eine kleine Karte von Madagaskar festgepinnt.<br \/>\nVon hinten erschallt ein \u201eGood Evening\u201c und ein Mann mit grauem Wuschelkopf nimmt im Schneidersitz an der Marovany Platz. Im n\u00e4chsten Moment ist der Raum erf\u00fcllt von filigranen Tongirlanden, die nicht nur Weltmusikfreaks bekannt vorkommen. Auf Kates Alben \u201eThe Sensual World\u201c und \u201eThe Red Shoes\u201c kann man solche auch entdecken. Kein Wunder, denn besagter Herr mit dem grauen Wuschel und dem fast zarten L\u00e4cheln ist ihr Bruderherz Paddy Bush. Klar, er hat sich schon ein wenig ver\u00e4ndert, seit er in der Fernsehfassung von \u201eThe Wedding List\u201c den B\u00f6sewicht spielte oder auf den Werbefotos f\u00fcr The Red Shoes\u201c posierte, doch man erkennt ihn sofort. Was um Himmels willen tut er mitten in der Schweiz? Die Antwort ist denkbar einfach: Er m\u00f6chte Begeisterung wecken f\u00fcr seine gr\u00f6\u00dfte Leidenschaft seit Jahrzehnten, die Musik Madagaskars. Zu den Eidgenossen hatte ihn eine gute Freundin, die Ethnologin Eva Keller gelockt. Sie ist auf Madagaskar spezialisiert, hat im Erdgeschoss der Villa eine Ausstellung namens \u201eTeny &#8211; Tany \u2013 Tantara\u201c mit einem au\u00dfergew\u00f6hnlichen Konzept kuratiert: Man erschlie\u00dft sich an etlichen Lausch-Stationen die Rieseninsel ganz \u00fcber den H\u00f6rsinn. Nachdem schon der gro\u00dfe R\u00f6hrenzither-Virtuose Justin Vali im Rahmen der Ausstellung ein Konzert gegeben hat, passt es wunderbar, dass Justins Kumpel Paddy sich nun auch die Ehre gibt. Sein Vortrag hei\u00dft \u201eThe Beauty and Complexity of Malagasy Music\u201c, wird immer wieder von Klangbeispielen und Anekdoten durchzogen &#8211; und einige davon ber\u00fchren nat\u00fcrlich auch die Arbeit mit seiner Schwester.<br \/>\nVon Beginn an ist klar: Paddy ist ein gro\u00dfartiger Geschichtenerz\u00e4hler. Wenn er seine Biographie anhand der madagassischen T\u00f6ne entrollt, kann man gar nicht anders, als sich von der Begeisterung anstecken zu lassen. Wenn er spricht, t\u00e4nzelt er manchmal vor Enthusiasmus, wenn er der Musik zuh\u00f6rt, hat er ein fast hingebungsvolles L\u00e4cheln auf den Lippen. Er hat diese charakterstarke, britisch distinguierte Stimme, die jetzt im etwas fortgeschritteneren Alter (der Mann wird demn\u00e4chst 65) an eine mildere Ausgabe des deutschen Synchronsprechers Christian Br\u00fcckner erinnert. Auf fast unheimliche Weise wird mir bewusst, an wie vielen Stellen er nicht nur singend und spielend, sondern auch sprechend auf Kates Alben vertreten ist. Das w\u00e4re doch mal eine sch\u00f6ne Aufgabe, denke ich mir w\u00e4hrend des Vortrags: Eine Liste aller Passagen von \u201eNever For Ever\u201c bis \u201e50 Words For Snow\u201c erstellen, in denen Paddy Bush einen Sprechereinsatz hat.<\/p>\n<h4>Valiha \u2013 Bambus kontra Metall<\/h4>\n<p>Und schon sind wir mittendrin in der Materie. Paddy zeigt auf die Landkarte: \u201eMadagaskar ist eigentlich so etwas wie die Vereinigten Staaten des Indischen Ozeans. In den letzten 2000 Jahren wurde es von Menschen aus dem gesamten Indischen Ozean besiedelt. Sie sehen sich alle als madagassisch an, nicht aus Afrika, Indonesien oder aus Borneo.\u201c \u00dcbers Meer kam auch der Bambus, der schlie\u00dflich in riesigen W\u00e4ldern an der Ostk\u00fcste wuchs und aus dem die R\u00f6hrenzither Valiha gefertigt wurde. Man schnitt Kerben in die Haut, sch\u00e4lte so die Saiten heraus. Vergleichbare Instrumente gab es zuvor schon bei Ureinwohnern im Regenwald des heutigen Chinas. Es k\u00f6nnte das \u00e4lteste Instrument der Welt sein. \u201eTausende von Jahren wurde die Valiha so gespielt, dann kamen die Franzosen auf die Insel, brachten Fahrr\u00e4der mit, und die Leute kamen auf die Idee, die Saiten aus den Bremskabeln herzustellen.\u201c Wie silbrig und kristallklar dadurch pl\u00f6tzlich der Sound wurde, demonstriert Paddy an einem Klangbeispiel des Virtuosen Sylvestre Randafison. Die wunderbar flie\u00dfenden Linien h\u00f6ren sich fast wie eine klassische Konzertharfe an. Doch wie kam er eigentlich selbst zur madagassischen Musik?<br \/>\nSein Urerlebnis geht tats\u00e4chlich bis ins Jahr 1972 zur\u00fcck. Paddy studierte damals bei der Ethnomusikologin Jean Jenkins, und die brachte eines Tages die Platte \u201eMusiques Malgaches\u201c mit, die Charles Duvell f\u00fcrs Label Ocora in den 1960ern aufgenommen worden war. \u201eIch war neunzehn, und das St\u00fcck \u201aIanao Ve De Roso\u2018 ver\u00e4nderte mein Leben\u201c, sagt Paddy, w\u00e4hrend wir zwei schnarrende M\u00e4nnerstimmen h\u00f6ren, die sich \u00fcber einem Riff von Kl\u00e4ngen der Lokanga Voatavo-Zither \u00a0abwechseln. \u201eF\u00fcr mich h\u00f6rte sich das wie ein Bob Dylan-Song mit komplizierten Rhythmen an, von dem ich kein Wort verstand. Sehr alt und doch irgendwie zeitgen\u00f6ssisch.\u201c 1972 war es noch fast unm\u00f6glich, Musik aus Madagaskar zu finden, und es dauerte weitere neun Jahre, bis er wieder auf madagassische T\u00f6ne stie\u00df.<\/p>\n<h4>Nackt-Yoga in Glastonbury<\/h4>\n<p>\u201eIch bekam einen Anruf von Michael Eavis, dem Chef des Glastonbury-Festival. Er wollte, dass Kate dort auftritt. Doch wir hatten zwei Jahre zuvor die Tour Of Life beendet, sie war in der Produktion von \u201eThe Dreaming\u201c und es war unm\u00f6glich, jetzt wieder etwas auf die B\u00fchne zu bringen. Ich teilte Michael das mit, und er erz\u00e4hlte mir, dass sie gerade dabei waren, f\u00fcrs 10-j\u00e4hrige Jubil\u00e4um in Glastonbury eine neue B\u00fchne zu entwerfen. Ich sagte zu ihm: \u201aMichael, warum baust du nicht eine Pyramide?\u2018 Einige Zeit sp\u00e4ter rief er mich wieder an und sagte: \u201aPaddy, wann kommst du vorbei und schaust dir deine Pyramide an? Und \u00fcbrigens: Hat Kate ihre Meinung ge\u00e4ndert?\u2018 Nein, hatte sie nicht. Aber ich ging zum Festival, und das war ein gro\u00dfartiges Jahr, denn ich fand dort diese Platte.\u201c Paddy zeigt ein Cover, auf dem ein Musiker vor einem Metallkasten mit Saiten sitzt. Er, der in den 1970ern Instrumentenbau und -technologie studiert hatte, liebte seltsame Instrumente \u2013 allein deshalb musste er die Platte kaufen. Und sofort h\u00f6ren. Doch wie, wenn auf dem ganzen Festivalgel\u00e4nde kein Plattenspieler aufzutreiben war? \u201eIch traf eine Freundin, die war gerade dabei, Nackt-Yoga zu praktizieren. Sie sagte: \u201aKein Problem, ich zieh mir nur gerade Stiefel an und du klemmst dich hinten auf mein Motorrad. Bei mir zuhause k\u00f6nnen wir sie h\u00f6ren.\u2018\u201c<br \/>\n<a href=\"http:\/\/morningfog.de\/?attachment_id=4905\" rel=\"attachment wp-att-4905\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-4905\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/airsadanser.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"412\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/airsadanser.jpg 400w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/airsadanser-291x300.jpg 291w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a>Auf dieser Ocora-LP namens \u201eAirs \u00e0 Dancer pour Cithare Sur Caisse de Sud Ouest de Madagascar\u201c waren unter anderem St\u00fccke der Ahnenverehrung namens Tromba zu finden, und sie faszinierte Paddy so, dass er sie Hunderte von Malen h\u00f6rte. \u201eWas ich bis dahin an Geistermusik geh\u00f6rt hatte, war Voodoo, verr\u00fcckt, wild, mit Trommeln. Doch das hier war weich, z\u00e4rtlich, und eine sehr hoch entwickelte Musik.\u201c Paddy war so im Bann dieser Musik, dass er die Metallbox, die der Musiker Robert Rindy aus dem Fischervolk der Vezo im S\u00fcdwesten Madagaskars auf dem Cover spielte, nachbauen wollte. Als Ma\u00df diente ihm der Fu\u00df des Musikers auf dem Bild. Und so schaffte er es tats\u00e4chlich, seine eigene Version der Marovany aus plattgeh\u00e4mmertem Wellblech herzustellen. \u201eZehn Jahre sp\u00e4ter habe ich Robert auf einem meiner Trips ausfindig gemacht. Bernhard Koechlin, der ihn in den 1960ern aufgenommen hatte, hatte ihm auch eine Platte geschickt. Aber leider gab es bei Robert weder einen Plattenspieler noch eine Nackt-Yogi, die ihn zu einem bringen konnte. Also spielte ich ihm seine eigene Aufnahme auf einem winzigen Kassettenrekorder vor. Ich werde den Tag nie vergessen, wie er das h\u00f6rte und mit leuchtenden Augen sagte: \u201aDas bin ich!\u2018\u201c Paddy blieb ein paar Wochen bei Robert und ging in die Marovany-Lehre. Doch die Madagassen bringen einem die Musik eigentlich nicht bei, sie monieren lediglich, wann man etwas falsch spielt. F\u00fcr Paddy eine gro\u00dfe Herausforderung, trotzdem lie\u00df er sich nicht ermutigen. Und so kam es, dass auch wir bald in den Genuss seines Zitherspiels kamen&#8230; \u00a9 <strong>Stefan Franzen<\/strong><br \/>\n<em><br \/>\n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bis in die letzte Stuhlreihe ist der kleine Saal im Forum Schlossplatz besetzt. Als ein \u201eOrt der Reflexion und Debatte\u201c stellt sich die seit 1994 im schweizerischen Aarau bestehende Einrichtung dar. Das Publikum soll hier \u201czur Auseinandersetzung mit kulturellen und gesellschaftlichen Fragen der Gegenwart\u201c angeregt werden. 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