{"id":3490,"date":"2015-11-10T07:12:37","date_gmt":"2015-11-10T06:12:37","guid":{"rendered":"http:\/\/morningfog.de\/?p=3490"},"modified":"2017-07-23T13:09:09","modified_gmt":"2017-07-23T11:09:09","slug":"das-song-abc-aerial","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/morningfog.de\/?p=3490","title":{"rendered":"Das Song-ABC: Aerial"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2606\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc.jpg\" alt=\"abc\" width=\"620\" height=\"95\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc.jpg 620w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc-300x45.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/a>Mit dem Song \u201eAerial\u201c bricht endg\u00fcltig die Morgend\u00e4mmerung, die sich gegen Ende des Songs \u201eNocturne\u201c in einem orgiastischen Chor als eine Form spiritueller Sonnengru\u00df im Viervierteltakt angek\u00fcndigt hatte, \u00fcber das Land herein. Wie der Name schon verr\u00e4t, handelt es sich um ein romantisch inspiriertes \u201eNachtstu\u0308ck\u201c in Cis-Moll. Die erste H\u00e4lfte der Nachtmusik besteht aus langgezogenen, vom Metrum befreiten, \u00e4therischen Rezitativen der Zauberin (u\u0308berwiegend in Sekund- und Terzschritten voranschreitend), w\u00e4hrend im Schlusschor ein letztes Mal die beschw\u00f6rende Kraft des Kollektivs zum Zuge kommt. Harmonisch findet ein spannungsgeladenes Wechselspiel zwischen Cis-Moll und A-Dur als Grund-, Sept-\/ oder Nonakkord statt. Hier beginnt nun auch die rituelle Transformation (Selbstver\u00e4nderungsprozess), die anhand von Victor Turners Ritualtheorie eingehender beleuchtet werden kann. Typisch fu\u0308r musikalische Szenen dieser Art ist, dass sich die Melodik der Ch\u00f6re aus sehr einfachen, rezitativen Elementen zusammensetzt.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/aerial02.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-3491\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/aerial02.jpg\" alt=\"aerial02\" width=\"400\" height=\"277\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/aerial02.jpg 400w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/aerial02-300x207.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a>Auf der Textebene wird deutlich, dass der Ort am Horizont, an dem sich Meer und Sonne treffen, als Geburtsst\u00e4tte des Feuerballs gedeutet wird. Die goldene F\u00e4rbung des Wassers und des Himmels bzw. das Zusammenflie\u00dfen dieser beiden Sph\u00e4ren wird mit dem Bild des Honigs, dem Futtersaft der Bienen, verglichen. Somit wird &#8211; wie bereits in \u201eThe Painter\u2019s Link\u201c auch &#8211; die flie\u00dfende, zyklische Geburt der Sonne aus dem Meer des unendlichen Kosmos zum sakralen Kontext eines rituellen, k\u00f6rperlichen Fruchtbarkeitsfestes erhoben.<br \/>\nDie Chorpassage aus \u201eNocturne\u201c stellt innerhalb von \u201eAn endless sky of honey\u201c eine Grenzsituation dar. Sie vertont den Moment zwischen Nacht und Tag, zwischen Schlafen und Erwachen (hier werden im Zuh\u00f6rer\/Zuschauer natu\u0308rlich auch Assoziationen von Leben und Tod erweckt). Wenn mit einem lauten Tutti des Instrumentalsatzes auch der Chor in Takt 156 auf der Grundstellung von Cis-Moll endet, beginnt bereits das minimalistische Streichermotiv der Verwandlungsszene aus \u201eAerial\u201c.<br \/>\n\u201eAerial\u201c kann als fulminanter H\u00f6hepunkt des zweiten Aktes bzw. der zweiten Seite des Doppelalbums betrachtet werden und spaltet sich auch in seiner Form als stampfender Tanz im Dreivierteltakt rhythmisch von den zuvor oftmals sehr lyrischen Szenen des zweiten Aktes ab. Das Textzitat \u201eThe song must be sung\u201c macht die Notwendigkeit einer dionysischen, musikalischen Beschw\u00f6rung deutlich. Das eintaktige Begleitmotiv besteht die ersten 26 Takte lang lediglich aus pendelnden Achtelnoten zwischen den Harmonien Cis-Moll-7 und Cismoll-9, w\u00e4hrend der Bass in hoher Lage und auf Viertelebene folgende viertaktige Wellenlinie zeichnet: e\u2019 e\u2019 d\u2019\/ cis\u2019 cis\u2019 d\u2019\/ e\u2019 e\u2019 d\u2019\/ cis\u2019 cis\u2019 d\u2019\/.<br \/>\nImmer im zweiten Takt wird auf Schlag drei\/Ton d\u2019 ein rhythmischer Akzent gesetzt. Die ungew\u00f6hnliche Betonung des Dreivierteltaktes geht mit der Ru\u0308ck-Verwandlung der Zauberin zum Vogel einher und versinnbildlicht, dass auch auf der rhythmischen Ebene nichts so ist, wie es zu sein scheint. Die Welt steht Kopf. Stu\u0308ck fu\u0308r Stu\u0308ck wachsen ihr und der Band w\u00e4hrend der endlosen Kreist\u00e4nze lange Schn\u00e4bel und Flu\u0308gel. In den folgenden Worten des Theaterwissenschaftlers Friedemann Kreuder wird veranschaulicht, welch bedeutende, theatrale Rolle der Maske innerhalb des Rituals zukommt. Wenn sich die Zauberin und ihre Gef\u00e4hrten mit Vogelmasken und Federn schmu\u0308cken, so findet aus Sicht des Rituals tats\u00e4chlich eine reale Verwandlung statt. Durch die Verwendung der Masken wird aber auch die psychologische Tiefenstruktur solch komplexer Rituale sichtbar.<\/p>\n<p><em>\u201eIn afrikanischen Sprachen gibt es zumeist kein Lexem, das sich w\u00f6rtlich mit &#8218;Maske&#8216; u\u0308bersetzten lie\u00dfe. \u00c4hnlich wie das altlateinische Wort &#8218;larva&#8216; im Sinne von &#8218;Gespenst&#8216;, &#8218;Spukgestalt&#8216; oder &#8218;d\u00e4monische Verkleidung&#8216; wird die &#8218;Maske&#8216; durch das bezeichnet, was sie angeblich repr\u00e4sentiert: als Geist, Ahnengeist, Vorfahren oder als Tote u.\u00c4. Ritualmasken eignet eine thanatologische Dimension, indem sie Beziehungen herstellen, zwischen den Lebenden und den Verstorbenen einer Gesellschaft oder denjenigen Geisterwesen, die auf die Lebenden heilbringend einwirken sollen. Die Maske assimiliert den Tr\u00e4ger mit demjenigen, was sie versinnbildlicht und verleiht ihm aus der Sicht der Teilnehmer am Ritual auch dessen Wirkungskraft\u2026 mit der Maske verband sich traditionell ein lebloses Objekt mit einem lebendigen K\u00f6rper, traf anorganische Natur auf organische. Von daher ist die Maske Ausdruck unserer Doppelnatur als Verbindung von Natur und Kultur.\u201c <\/em>(1)<\/p>\n<p>Aus den Baumwipfeln sind bedrohliche Vogelschreie und wildes Flu\u0308gelschlagen zu h\u00f6ren. Im Zuschauerraum regnet es Federn. Durch die unermu\u0308dliche Wiederholung entsteht ein brodelnder, nahezu neurotischer, zwanghafter Charakter, der das Aufgehen der Sonne krampfhaft erzwingen will. In Takt zehn setzt dann die lallende Stimme der bereits ekstatisch ums Lichtfeuer spukenden Zauberin ein. In diesem letzten Teil des zweiten Akts wird deutlich, wie eng Psyche und Soma im rituellen Geschehen ineinander verschr\u00e4nkt sind. Das sich nun anbahnende, orgiastische Ausbrechen aus den allt\u00e4glichen, sozialen Strukturen wird in Form eines ungezu\u0308gelten Balztanzes gen Sonnenaufgang verwirklicht.<br \/>\n&#8222;Aerial\u201c gliedert sich in fu\u0308nf Formteile. Im Teil A besteht der Rahmen der einzelnen melodischen Phrasen u\u0308berwiegend aus z\u00e4hen, gebundenen, abw\u00e4rts gerichteten Quarten (fis\u2019-cis\u2019). Der Formteil B stellt einen f\u00fcr sich isolierten Formteil dar. Er widmet sich der Sonne und besteht lediglich aus dem Halbsatz \u201e\u2026 in the sun.\u201c Die Anrufung der Sonne besteht aus einem Auftakt fis\u2019-gis\u2019 (punktierte Achtelnote-Sechzehntelnote), gefolgt von einem Quartsprung zum Wort \u201esun\u201c, auf dem Ton cis\u2019\u2019. Die rituelle Bedeutung des Wortes \u201esun\u201c auf cis\u2019\u2019 kommt zum einen durch seine Sonderstellung als h\u00f6chster Ton innerhalb der Melodik und zum anderen auch in Form eines acht Takte langen Haltetons, als Ausbruch aus dem rhythmischen Spiel der pulsierenden Instrumente, zum Ausdruck.<br \/>\nDas Licht der Sonne erstrahlt somit erhaben u\u0308ber dem Klangteppich der Instrumente. Durch das ekstatische Tanzen der archaisch gekleideten Darsteller des Chores werden kleine Vogelschw\u00e4rme aufgeschreckt, w\u00e4hrend die Marionette sich von ihren \u201eF\u00e4den&#8220; befreit und selbstst\u00e4ndig Laufen lernt. In zwielichtiger Atmosph\u00e4re stu\u0308rzte sich die belebte Puppe bereits auf eine wei\u00dfe Taube, die sie als rituelles Opfer zerrissen und verzehrte hatte. Daraufhin f\u00e4rbte sich der Morgenhimmel, gleich einer makrokosmischen Analogie der Opferung, blutrot. Natu\u0308rlich besteht hier auch eine metaphorische Beziehung zwischen dem besungenen Wein und dem Blut als Saft des Lebens.<br \/>\nFormteil C stellt auf der Textebene den manischen Gr\u00f6\u00dfenwahnsinn der Teilnehmer des Rituals dar. Die intensive, orgiastische Wahrnehmung will immer mehr gesteigert werden, was sich nun auch im freien, wild improvisierten Spiel der Band h\u00f6rbar macht. Immer wieder finden Ausflu\u0308chte in kurze B-Dur-Quartvorhalte und kleine Solopartien au\u00dferhalb des pulsierenden Rhythmus statt. Der Formteil D hingegen widmet sich thematisch und textlich dem Beginn der Vogelges\u00e4nge zur Morgenstunde.<br \/>\nDer ambivalente Gesang der V\u00f6gel wird mit dem menschlichen Lachen gleichgesetzt. Denn das Lachen der Menschen ist im Gegensatz zur Wortsprache sehr viel spontaner und voll archaischer Lebenskraft. Lachen kann sowohl einen Ausbruch freudigster Erregung, als auch eine \u00dcbersprungshandlung tiefster Bestu\u0308rzung als Wurzel haben. In Formteil E bricht die Zauberin auf dem Klangteppich der neurotischen Akkordwiederholungen (Cis-Moll-7 und Cis-Moll-9) auf dem Ton gis\u2019 nun in archaisches Gel\u00e4chter aus, dem sich auch das Publikum aktiv und ekstatisch hinzugeben scheint, bis die maskierte Zauberin dann pl\u00f6tzlich gen Bu\u0308hnenhimmel abhebt und ein lautes \u201eHa\u201c (auf der Grundstellung eines Cis-Moll-Akkordes) den zweiten Akt beendet. Fu\u0308r einen Wimpernschlag lang wird die Bu\u0308hne abgedunkelt &#8211; dann bleibt nur der in Morgenlicht gebadete Birkenwald zuru\u0308ck.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Vasnetsov_Sirin_Alkonost.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-3492\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Vasnetsov_Sirin_Alkonost.jpg\" alt=\"Vasnetsov_Sirin_Alkonost\" width=\"400\" height=\"233\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Vasnetsov_Sirin_Alkonost.jpg 400w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Vasnetsov_Sirin_Alkonost-300x174.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a>Dass die V\u00f6gel einst vom Himmel herab stiegen, um den Menschen ihren su\u0308\u00dfen Gesang zu bringen, entspringt einem alten russischen Mythos, der sich auch in der Malerei verewigt hat. Im Gem\u00e4lde rechts\u00a0 sieht man zwei magische Mischwesen, rechts die Alkonost, links die Sirin (Wiktor Wasnezow, 1896). Auch in Rimski-Korsakows Oper \u201eDie Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch und der Jungfrau Fewronia\u201c ku\u0308ndigt im 4. Akt der Gesang von Alkonost Fewronia den Stillstand der Zeit und das Vergessen der Vergangenheit an. (<strong>Thomas<\/strong>)<\/p>\n<p>1:\u00a0Kreuder, Friedemann: Maske . In:Theatertheorie. Stuttgart,\u00a0 2014, S.204.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit dem Song \u201eAerial\u201c bricht endg\u00fcltig die Morgend\u00e4mmerung, die sich gegen Ende des Songs \u201eNocturne\u201c in einem orgiastischen Chor als eine Form spiritueller Sonnengru\u00df im Viervierteltakt angek\u00fcndigt hatte, \u00fcber das Land herein. Wie der Name schon verr\u00e4t, handelt es sich um ein romantisch inspiriertes \u201eNachtstu\u0308ck\u201c in Cis-Moll. 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