{"id":3411,"date":"2015-09-30T07:11:37","date_gmt":"2015-09-30T05:11:37","guid":{"rendered":"http:\/\/morningfog.de\/?p=3411"},"modified":"2017-07-23T13:17:02","modified_gmt":"2017-07-23T11:17:02","slug":"das-song-abc-under-ice","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/morningfog.de\/?p=3411","title":{"rendered":"Das Song-ABC: Under Ice"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-2606 size-full\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc.jpg\" alt=\"abc\" width=\"620\" height=\"95\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc.jpg 620w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc-300x45.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/a>Unheimlich! Dies sind mit die unheimlichsten zwei Minuten Musik, die Kate Bush bisher geschrieben hat. Meine Empfehlung ist, dies in einer Nacht zu h\u00f6ren, wenn man nicht schlafen kann, es dunkel und kalt und still ist, man \u00fcberm\u00fcdet ist. Genau in dieser Situation ist am besten zu f\u00fchlen, was dieser Song ausdr\u00fcckt: Verlassenheit, Angst, K\u00e4lte.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/under-ice.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-3412\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/under-ice.jpg\" alt=\"under-ice\" width=\"400\" height=\"552\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/under-ice.jpg 400w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/under-ice-217x300.jpg 217w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a>Um ihn angemessen zu analysieren, muss der Kontext &#8222;The ninth wave&#8220; mit betrachtet werden. &#8222;Under ice&#8220; ist in diese Suite von Songs eingebettet, die die zweite Seite des Albums &#8222;Hounds of love&#8220; bildet. Lassen wir Kate Bush selbst sprechen: \u201eWir reden \u00fcber einen Sturm. Da ist ein Mensch bei Sturm \u00fcber Bord gegangen und k\u00e4mpft eine ganze Nacht gegen die Wellen, die M\u00fcdigkeit und die Gefahr, aufzugeben. Zu dieser Handlung habe ich alle St\u00fccke der zweiten LP-Seite geschrieben. [\u2026] Da geht also jemand \u00fcber Bord, nachts. Er wird wahnsinnig m\u00fcde, will resignieren. Dann ziehen seine Vergangenheit, seine Gegenwart und seine Zukunft an ihm vorbei und versuchen, ihn wachzuhalten und durch diese Nacht zu kriegen.\u201c (1). Die ersten beiden St\u00fccke dieser Suite &#8211; &#8222;And dream of sheep&#8220; und unser &#8222;Under ice&#8220; &#8211; sind dabei als Einheit zu betrachten: &#8222;It was totally connected to the track that had come before, and they were written together &#8211; And Dream Of Sheep goes straight into Under Ice and they were almost conceived as one [&#8230;]&#8220; (2).<br \/>\nIn \u201eAnd dream of sheep\u201c wird der Rahmen der Geschichte aufgestellt: eine Schiffbr\u00fcchige treibt im n\u00e4chtlichen Meer, mit Schwimmweste und Notlicht, kaum noch bei Bewusstsein. Stimmen aus dem Leben versuchen sie noch zu erreichen, aber wie von Narkotika bet\u00e4ubt sinkt sie tiefer und tiefer in den Schlaf (\u201clike poppies, heavy with seed \u2013 They take me deeper and deeper\u201d). Auch die Melodie geht hinunter in diese Tiefe und verd\u00e4mmert. Ohne Pause beginnt \u201eUnder Ice\u201c und wir sind in einer d\u00fcsteren Zwischenwelt. Das eher romantische cis-Moll wechselt abrupt in ein dunkles, bedrohliches a-Moll (3). Dieser \u00dcbergang ist so, als ob das Licht in der Musik abgeschaltet wird.<br \/>\nKate Bush erkl\u00e4rt den \u00dcbergang und die Absichten dahinter so: &#8222;[&#8230;] it was very much the idea of going from very cold water, it&#8217;s getting dark, you&#8217;re alone, the only way out is to go to sleep, no responsibilities, and forget about everything; but if you go to sleep the chances are you could roll over in the water and drown. So you&#8217;re trying to fight sleep, but you can&#8217;t help it, and you hit the dream, the idea of the dream being really cold, and really the visual expectancy of total loneliness, and for me that was a completely frozen river, no-one around, everything completely covered with snow and icicles, and its that person all alone in this absolute cold wilderness of white, and seeing themselves under the ice, drowning, to witch they wake up and find themselves under the water&#8220; (2).<br \/>\nDie Komposition dieses Songs geschah ganz schnell, die Musikbegleitung wurde an einem einzigen Tag eingespielt (4). Wenige T\u00f6ne erklingen, nur Rhythmus, Bet\u00e4ubung. Ein einsames Cello &#8211; aus dem Fairlight CMI (4) &#8211; bestimmt mit seinen dumpfen T\u00f6nen die Musik. Wie das Pochen und Klopfen eines bangen Herzens klingt es und hebt das Gef\u00fchl des Alleinseins in dieser &#8222;absolute cold wilderness of white&#8220; hervor. Die Stimme setzt ein, wird eins mit diesen minimalistischen T\u00f6nen.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/undericehigher.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-3413\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/undericehigher.jpg\" alt=\"undericehigher\" width=\"400\" height=\"385\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/undericehigher.jpg 592w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/undericehigher-300x288.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a>Dies ist ein dunkler und gef\u00e4hrlicher Traum. D\u00fcsteres a-Moll bestimmt die Harmonik, in der immer wieder der d-Moll-Akkord auftaucht: d-Moll, die &#8222;Welt des Grabes und des Todes&#8220; (5). Einige lichte C-Dur-Akkorde leuchten hinein wie Sterne der Hoffnung. Die Schiffbr\u00fcchige ist eingeschlafen, obwohl sie wach bleiben m\u00fcsste. Ersch\u00f6pfung hat sie \u00fcberw\u00e4ltigt. Die wei\u00dfe, kalte, tote Winterlandschaft dient als Symbol f\u00fcr diese Verlassenheit im Wasser, ausgel\u00f6st durch die eisige K\u00e4lte des Wassers. Einsamkeit und Todesn\u00e4he herrschen, nur einmal ert\u00f6nt eine ganz ferne und unverst\u00e4ndliche Stimme (ein Traum). In ihrer M\u00fcdigkeit sieht sich die Protagonistin in dieser Winterlandschaft auf dem Eis Schlittschuh laufen. Der Cello-Rhythmus nimmt dieses regelm\u00e4\u00dfige Vorw\u00e4rtsbewegen musikalisch auf.<br \/>\nD\u00fcnnes Eis \u2013 das ist die tr\u00fcgerisch-sichere Schicht \u00fcber den gef\u00e4hrlichen Abgr\u00fcnden. Harsche, abrupte Silben und Worte rufen das Bild der Eisfl\u00e4che hervor. Sie klingen wie das Knacken, das ein Schlittschuhl\u00e4ufer h\u00f6ren kann: skating, cutting, splitting, spitting, ice. Hier ist die Stimme mit Hall versehen und klingt so, als ob es mehrere Stimmen w\u00e4ren, sie folgt dem Cello, die Stimme vibriert fast vor K\u00e4lte. Mehrmals wechselt der Gesang und die Stimme erhebt sich in elegischen, ganz klar klingenden Melodien \u00fcber die Eisfl\u00e4che (&#8222;The river has frozen over&#8220;, &#8222;I&#8217;m speeding past trees leaving&#8220;, &#8222;There&#8217;s something under water&#8220;). Der tote d-Moll-Akkord ist hier in den hellen F-Dur-Akkord der parallelen Dur-Tonart verwandelt &#8211; als ob die Musik sagen will: &#8222;Das ist nicht das Ende, der Tod kann abgewendet werden&#8220;.<br \/>\nDann zersplittert das Eis wirklich und die Realit\u00e4t des Traums zerbricht. Unter dem Eis ist etwas \u2013 das eigene Ich \u2013 verbunden mit dem Lautsymbol des Echolots. Die Protagonistin erschrickt, sie erkennt sich in diesem K\u00f6rper unter dem Eis, versunken, am Ertrinken. Die den Cello-Puls begleitenden rauen Stimmen und die Gesangsstimme (die &#8222;It&#8217;s me&#8220; singt) sind zum einzigen Mal parallel. Die Stimmung steigert sich, wird bedrohlicher, erregter. Etwas dringt auch musikalisch ins Bewusstsein. Am Schluss dann ein weiteres Absinken der Musik, der Cello-Puls l\u00e4sst nach und erstirbt, ein Einschlafen, ein Akzeptieren. Die Musik kreist in merkw\u00fcrdigen T\u00f6nen vor sich hin und wird immer ruhiger. F\u00fchrt das in die Bewusstlosigkeit oder noch tiefer ins Meer? \u00dcbergangslos geht es mit \u201eWaking the witch\u201c weiter und mit Stimmen, die danach rufen aufzuwachen, die aus dieser Situation retten wollen.<br \/>\nAuf den ersten Blick k\u00f6nnte man meinen, dass &#8222;The ninth wave&#8220; keine konsistente, logisch fortschreitende Geschichte erz\u00e4hlt, sondern assoziativ Episoden aneinander reiht. Warum ist die Protagonistin auf einmal auf dem Eis und war vorher auf dem Wasser &#8211; ist das ein Bruch? Die Analyse zeigt aber, dass es sich hier um eine logische Konsequenz handelt, wenn die verwendeten Symbole aufgeschl\u00fcsselt werden. Selten wurde eine so unheimliche Atmosph\u00e4re mit so wenigen Mitteln erzeugt. &#8222;Under ice&#8220; ist ein Horrorfilm in zwei Minuten.\u00a0 (\u00a9 <strong>Achim\/aHAJ<\/strong>)<\/p>\n<p>(1) Andreas Hub: \u201cKate Bush. Aufgetaucht\u201d. Interview mit Kate Bush. Fachblatt Musikmagazin. 11\/1985<br \/>\n(2) The 1985 Convention Interview. Tony Myatt asks Kate about Hounds of Love. Homeground &#8211; The Kate Bush Magazine. Anthology One. Crescent Moon Publishing. Maidstone. 2014. S.383-392<br \/>\n(3) \u201cKate Bush Complete\u201d. EMI Music Publishing \/ International Music Publications. London. 1987. S.60 und 160<br \/>\n(4) Rob Jovanovic, Kate Bush. Die Biographie. 2006. Koch International GmbH\/Hannibal. H\u00f6fen. S. 156<br \/>\n(5) Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999. S.157<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unheimlich! Dies sind mit die unheimlichsten zwei Minuten Musik, die Kate Bush bisher geschrieben hat. Meine Empfehlung ist, dies in einer Nacht zu h\u00f6ren, wenn man nicht schlafen kann, es dunkel und kalt und still ist, man \u00fcberm\u00fcdet ist. 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