{"id":3257,"date":"2015-08-08T07:16:22","date_gmt":"2015-08-08T05:16:22","guid":{"rendered":"http:\/\/morningfog.de\/?p=3257"},"modified":"2017-07-23T13:26:15","modified_gmt":"2017-07-23T11:26:15","slug":"das-song-abc-army-dreamers","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/morningfog.de\/?p=3257","title":{"rendered":"Das Song-ABC: Army Dreamers"},"content":{"rendered":"<div><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2606\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc.jpg\" alt=\"abc\" width=\"620\" height=\"95\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc.jpg 620w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc-300x45.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/a>Dieser Song vom Album &#8222;Never for ever&#8220; ist einer der gro\u00dfen englischen Antikriegssongs, getarnt als Top20-Hit [1]. Lieder als politische Kommentare haben oft ein Manko &#8211; sie erheben den Zeigefinger, sind belehrend. Ich achte die gute Absicht, h\u00f6re es mir aber nicht sehr gern an. Wie schreibt und komponiert man so etwas, ohne dass es aufdringlich, plakativ und \u00fcbertrieben wirkt? &#8222;Army Dreamers&#8220; zeigt, wie es geht.<\/div>\n<div><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/ad01.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-3258\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/ad01.png\" alt=\"ad01\" width=\"400\" height=\"334\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/ad01.png 400w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/ad01-300x250.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a>Kate Bush ist in ihren Anfangsjahren oft vorgeworfen worden, sie sei politisch indifferent und eher auf der esoterischen Spur. &#8222;Ich schreibe nur dann \u00fcber so etwas, wenn mich politisch motivierte Handlungen emotional ber\u00fchren&#8220;, sagte sie in einem Interview zu &#8222;Never for ever&#8220; [2]. Das Lied handelt von einem toten Soldaten, der von seiner Mutter betrauert wird. Eine Trauerfeier auf dem Flugfeld, sein Sarg wird hereingetragen von vier Soldaten. Sie denkt mit Wehmut an die Vergangenheit und an das, was aus ihrem Sohn h\u00e4tte werden k\u00f6nnen. Geschickt werden so Muttergef\u00fchle &#8211; also eine sehr emotionale und pers\u00f6nliche Empfindung &#8211; mit einem politischem Statement verbunden. &#8222;It&#8217;s just putting the case of a mother in these circumstances, how incredibly sad it is for her. How she feels she should have been able to prevent it. If she&#8217;d bought him a guitar when he asked for it.&#8220;, erl\u00e4uterte Kate Bush in einem Interview [3]. Zur Zeit des Albums kam nur Nordirland in Frage als Land, in dem britische Soldaten im Einsatz get\u00f6tet wurden. Dieser ganz klare politische Bezug wird aber im Song verschleiert. Im Song ist neutraler vom B.F.P.O. (British Forces Post Office) die Rede.<\/div>\n<div>Der Song beklagt den best\u00e4ndig hohen Preis, &#8222;den jeder Krieg von einer ganzen Generation junger und untersch\u00e4tzter Menschen fordert: verhinderte V\u00e4ter, Parlamentarier oder Rockstars, die nicht einmal die 20 erreichen.&#8220; [4] Verlorene Leben, unerf\u00fcllte Potenziale, Trauer und Tod\u00a0 &#8211; das sind die Themen. Diese in den Tod f\u00fchrende Perspektivlosigkeit steht f\u00fcr Kate Bush im Vordergrund: &#8222;Es ist so traurig, dass es Jugendliche ohne Schulabschluss gibt, die keine andere Chance sehen, als zur Armee zu gehen, obwohl das eigentlich nicht ihr Wunsch ist. Das ist es, was mir Angst macht.&#8220; [2]<\/div>\n<div>Gesungen wird &#8222;Army Dreamers&#8220; mit leicht irischem Akzent. &#8222;Der irische Akzent war wichtig, weil ich den Song auf sehr traditionelle Weise angepackt habe, und die Iren haben stets ihre Songs benutzt, um Geschichten zu erz\u00e4hlen. [&#8230;]\u00a0 Ein irischer Akzent vermittelt eine gewisse Verletzlichkeit und wirkt poetisch. Und so kommt der Song dann auch anders r\u00fcber&#8220;, erl\u00e4utert dies Kate Bush [2]. Aber das ist nur die halbe Geschichte. Der irische Akzent verst\u00e4rkt subtil den Zusammenhang mit Nordirland. Auf einer anderen Ebene verst\u00e4rkt er zudem den emotionalen Bezug &#8211; Kates Mutter hat irische Wurzeln. Vielleicht gab es in ihrer Umgebung \u00e4hnliche Vorf\u00e4lle, vielleicht haben ihre Mutter oder Bekannte davon erz\u00e4hlt. Dieser Akzent macht es pers\u00f6nlicher, intimer.<\/div>\n<div><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/katebush-armydreamers.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-3259\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/katebush-armydreamers.png\" alt=\"katebush-armydreamers\" width=\"400\" height=\"308\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/katebush-armydreamers.png 400w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/katebush-armydreamers-300x231.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a>&#8222;Army Dreamers&#8220; lebt auch von seinen inneren Widerspr\u00fcchen. Ein todtrauriger politischer Text wird mit einer sanften, tr\u00e4umerisch-t\u00e4nzerischen Melodie kombiniert, einem Walzer. Dies geh\u00f6rt nicht zusammen, dies spiegelt die Gef\u00fchle der Zerrissenheit der trauernden Mutter wider und transportiert diese Zerrissenheit direkt zum Zuh\u00f6rer. Dieser tr\u00e4umerische Walzer wird durch die starke Benutzung von gesampelten Sounds &#8211; das Laden von Gewehren, milit\u00e4rische Befehle &#8211; direkt mit der Szenerie verbunden. Die Mutter steht vor dem Sarg bei der milit\u00e4rischen Trauerfeier, Gewehre werden pr\u00e4sentiert, Ehrenbezeugungen f\u00fcr den Toten. Das dringt vor zur Protagonistin des Songs, aber sie ist ganz bei ihrem Sohn, z\u00e4rtlich, sanft, wehm\u00fctig. In all ihrer Trauer ist der Mutter aber die Falschheit der Situation bewusst. Im Song hei\u00dft es &#8222;Give the kid the pick of pips \/ And give him all your stripes and ribbons \/ Now he&#8217;s sitting in his hole \/ He might as well have buttons and bows&#8220; [5].<br \/>\nBei der Art dieses Liedes war dies eine ganz unerwartete Hitsingle. Aber die Melodie ist eing\u00e4ngig, gl\u00e4nzend, meisterlich melodisch &#8211; ein Gl\u00fccksfall. Es ist eine der Melodien, die ich nach einem H\u00f6ren nicht schnell aus meinem Kopf bekomme. Kate Bush hat hier neue Mittel probiert &#8211; &#8222;It&#8217;s the first song I&#8217;ve ever written in the studio&#8220; [3] &#8211; und gewonnen.<\/div>\n<div>Der Song ist in h-moll notiert und schwankt st\u00e4ndig zwischen h-Moll und der parallelen Dur-Tonart D-Dur hin und her [5]. Die m\u00f6gliche positive Gegenwelt steht dabei immer in D-Dur (Dur steht bei &#8222;Mammy&#8217;s hero&#8220;, bei &#8222;B.F.P.O&#8220;, bei den ganzen mit &#8222;should have been&#8220; beginnenden M\u00f6glichkeiten) [5]. Dies ist wieder einmal &#8211; wie so oft bei Kate Bush\u00a0 &#8211; eine sehr subtile Nutzung der Tonarten. D-Dur ist &#8222;die Tonart des siegenden Helden, das Erreichen des h\u00f6chsten Ziels, der siegreichen \u00dcberwindung, die eigentliche Siegertonart&#8220;, es ist die &#8222;sprie\u00dfende, belebende Kraft, Wachstumskraft, Werdekraft.&#8220; [6]. Ja &#8211; all das h\u00e4tte aus dem Soldaten werden k\u00f6nnen. Aber all diese M\u00f6glichkeiten sind ins Dunkle gewendet. Das siegreiche, verhei\u00dfungsvolle D-Dur wird in sein d\u00fcsteres, trauriges Gegenst\u00fcck h-Moll verwandelt. Auf die &#8222;Should have been&#8220;-S\u00e4tze in Dur folgen immer die mit &#8222;But&#8220; beginnenden S\u00e4tze in Moll. Die Realit\u00e4t steht nicht in Dur.<br \/>\n(\u00a9 <strong>Achim\/aHAJ<\/strong>)<\/div>\n<div>[1] Pat Gilbert: Army Dreamers, Mojo 10\/2014. S.74<br \/>\n[2] Rob Jovanovic, Kate Bush. Die Biographie. 2006. Koch International GmbH\/Hannibal. H\u00f6fen. S.120\/121<br \/>\n[3] Colin Irwin: &#8222;I find myself inspired by unusual, distinct, weird subjects&#8220;. Interview im Melody Maker 4.10.1980.<br \/>\n[4] Graeme Thomson: Kate Bush. Under the ivy. 2013. Bosworth Music GmbH. S.213<br \/>\n[5] &#8222;Kate Bush Complete&#8220;. EMI Music Publishing \/ International Music Publications. London. 1987. S.61f<br \/>\n[6] Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999. S.180<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Song vom Album &#8222;Never for ever&#8220; ist einer der gro\u00dfen englischen Antikriegssongs, getarnt als Top20-Hit [1]. Lieder als politische Kommentare haben oft ein Manko &#8211; sie erheben den Zeigefinger, sind belehrend. Ich achte die gute Absicht, h\u00f6re es mir aber nicht sehr gern an. 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