{"id":3174,"date":"2015-06-10T07:12:05","date_gmt":"2015-06-10T05:12:05","guid":{"rendered":"http:\/\/morningfog.de\/?p=3174"},"modified":"2017-07-23T13:31:35","modified_gmt":"2017-07-23T11:31:35","slug":"houdini-in-348-oder-auf-352-seiten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/morningfog.de\/?p=3174","title":{"rendered":"Houdini &#8211; in 3:48 oder auf 352 Seiten"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/houdini620.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3175\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/houdini620.jpg\" alt=\"houdini620\" width=\"620\" height=\"451\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/houdini620.jpg 620w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/houdini620-300x218.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/a>Die Schl\u00fcsselw\u00f6rter hei\u00dfen &#8222;Rosabel, believe&#8220;. So besagt es zumindest die Geschichte, die Kate in ihrem 1982 ver\u00f6ffentlichten Song &#8222;Houdini&#8220; vom Album &#8222;The Dreaming&#8220; aufgreift. Die Geschichte geht so: Harry Houdini und seine Ehefrau Bess vereinbaren einen Code. Sollte einer von beiden sterben, h\u00e4tte nur ein &#8222;echtes&#8220; Medium von diesem Code wissen und einen Kontakt zu dem Geist des Verstorbenen herstellen k\u00f6nnen. Ausl\u00f6ser f\u00fcr den Song war offenbar eine Dokumentation \u00fcber das Leben von Houdini, die im englischen TV ausgestrahlt worden war. Wie sehr Kate die Geschichte fasziniert hat, wird auch im Cover zu &#8222;The Dreaming&#8220; deutlich: es zeigt Kate als Bess, wie sie dem Entfesselungsk\u00fcnstler (in diesem Fall Del Palmer) mit einem Kuss den passenden Schl\u00fcssel \u00fcbergibt &#8211; &#8222;with a kiss, i&#8217;d pass the key&#8230;.&#8220;<\/p>\n<p>Was Kate in 3:48 Minuten erz\u00e4hlt, beschreibt Steven Galloway in seinem neu erschienenen Roman \u201eDer Illusionist\u201c auf 352 Seiten &#8211; das Leben von Harry Houdini. Ein lohnenswertes Buch, wenn man die Rezension von <strong>Amien Idries<\/strong> liest:<\/p>\n<p class=\"Grundtext-Einzug\"><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/Galloway400.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-3178\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/Galloway400.jpg\" alt=\"Galloway400\" width=\"400\" height=\"639\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/Galloway400.jpg 400w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/Galloway400-187x300.jpg 187w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a>Wie erz\u00e4hlt man von Harry Houdini? Angesichts des \u00fcbervollen Lebens des Magiers, Entfesselungsk\u00fcnstlers und mutma\u00dflichen Geheimagenten w\u00fcrde eine profane Biografie zur Fesselung des Lesers wohl reichen. Doch Profanes ist nicht die Sache von Steven Galloway. Der Kanadier erz\u00e4hlt in seinem vierten Roman \u201eDer Illusionist\u201c so vom Urvater der Magier wie es der Meister wohl selbst gemacht h\u00e4tte. Er baut Fallt\u00fcren in die Geschichte ein, l\u00e4sst den Helden verschwinden, f\u00fchrt mit ungeahnten Wendungen in die Irre und l\u00e4sst das Publikum, das nat\u00fcrlich wei\u00df, dass alles nur Trickserei ist, mit Fragen zur\u00fcck. Galloway gelingt dies durch einen erz\u00e4hlerischen Trick. Er l\u00e4sst den zweiten Handlungsstrang von einem Erz\u00e4hler bestimmen, der als Erz\u00e4hler eigentlich g\u00e4nzlich ungeeignet ist. Martin Strauss lebt in der Gegenwart und ist davon \u00fcberzeugt, Harry Houdini zwei Mal ermordet zu haben. Das Problem: Strau\u00df wird zu Beginn der Erz\u00e4hlung die Diagnose Konfabulismus unterbreitet (im Original hei\u00dft der Roman \u201eThe Confabulist\u201c). \u201eSie haben ein seltenes Leiden, dass die F\u00e4higkeit Ihres Gehirns mindert, Erinnerungen zu speichern. Als Reaktion darauf wird Ihr Gehirn sich neue Erinnerungen ausdenken\u201c, er\u00f6ffnet ihm ein Arzt, der den bezeichnenden Namen Dr. Korsakoff tr\u00e4gt (das Korsakow-Syndrom beschreibt eine Form der Ged\u00e4chtnisst\u00f6rung).<\/p>\n<p class=\"Grundtext-Einzug\">Und so blickt der Konfabulist auf sein Leben zur\u00fcck \u2013 oder das was er daf\u00fcr h\u00e4lt \u2013 und schon ist der Leser mittendrin in einer Geschichte voller Zeitspr\u00fcnge und Verwirrungspotenzial, in der sich die Lebenswege von Houdini und Strauss mehrmals kreuzen. Wohl wissend, dass einiges faul ist an der Geschichte, l\u00e4sst sich der Leser darauf ein, was zum einen an Galloways Schreibstil liegt, aber vor allem am Leben Houdinis, das einfach ein ziemlich guter Romanstoff ist. Galloway hat sehr gut recherchiert und nur hier und da Houdinis Leben \u00fcber die verbrieften Fakten hinaus zugespitzt. Der Leser erf\u00e4hrt von den Anf\u00e4ngen in einer armen Familie, dem ersten Treffen mit seiner k\u00fcnftigen Ehefrau Bess, seiner mutma\u00dflichen Geheimdienstarbeit und immer wieder von den ber\u00fchmten Zaubertricks und Entfesselungen des in Ungarn geborenen Juden. Immer spektakul\u00e4rer m\u00fcssen diese werden, und Galloway zeigt hier, welche Bedeutung Houdinis Vermarktungsk\u00fcnste f\u00fcr seinen Erfolg gehabt haben. Man sieht gewisserma\u00dfen einem der ersten Weltstars bei der Entstehung zu.<\/p>\n<p class=\"Beilagenhinweis\">Besonders interessant ist die Haltung Houdinis zum Spiritismus, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts in voller Bl\u00fcte stand. Bis in h\u00f6chste Regierungskreise glaubte man an Okkultes und Geisterbeschw\u00f6rungen. Ausgerechnet der Illusionist Houdini aber k\u00e4mpft gegen den Magieglauben. Durch sein Fachwissen ist er pr\u00e4destiniert, Hochstaplern das Handwerk zu legen, was er unter wachsender Gefahr tut. Bis heute wird gemutma\u00dft, sein fr\u00fcher Tod sei auf ein Komplott von Spiritisten zur\u00fcckzuf\u00fchren. Wie gesagt, das Leben von Erik Weisz, so Houdinis b\u00fcrgerlicher Name, war \u00fcbervoll. Nicht voll genug f\u00fcr Galloway, der den zweiten Erz\u00e4hlstrang des Romans nutzt, um eine philosophische Ebene einzuziehen. Martin Strauss, der Erz\u00e4hler mit Erinnerungsl\u00fccken, sitzt in der Gegenwart vor dem Krankenhaus, blickt auf sein Leben und sinniert \u00fcber das Menschsein. Was ist wahr, was Illusion? Welche Rolle spielt Erinnerung f\u00fcr das Individuum? Ist sie nicht immer Konstrukt, mit dessen Hilfe sich Menschen eine passende Vergangenheit bauen? Sind wir nicht alle im Prinzip Illusionisten, die mit mehr oder minder guten Taschenspielertricks das wahre Ich zu verschleiern versuchen und hoffen, dass selbiges nie zum Vorschein kommt? Vielleicht nicht einmal vor sich selbst. Steven Galloway: \u201eDer Illusionist\u201c. Luchterhand, 352 Seiten, 19.99 Euro.<\/p>\n<p class=\"Beilagenhinweis\">(Mit bestem Dank an Amien Idries f\u00fcr die freundliche Unterst\u00fctzung.)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schl\u00fcsselw\u00f6rter hei\u00dfen &#8222;Rosabel, believe&#8220;. So besagt es zumindest die Geschichte, die Kate in ihrem 1982 ver\u00f6ffentlichten Song &#8222;Houdini&#8220; vom Album &#8222;The Dreaming&#8220; aufgreift. Die Geschichte geht so: Harry Houdini und seine Ehefrau Bess vereinbaren einen Code. 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