{"id":3023,"date":"2015-03-30T07:13:04","date_gmt":"2015-03-30T05:13:04","guid":{"rendered":"http:\/\/morningfog.de\/?p=3023"},"modified":"2017-07-23T13:45:49","modified_gmt":"2017-07-23T11:45:49","slug":"das-song-abc-mrs-bartolozzi","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/morningfog.de\/?p=3023","title":{"rendered":"Das Song-ABC: Mrs. Bartolozzi"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-2606\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc.jpg\" alt=\"abc\" width=\"620\" height=\"95\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc.jpg 620w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc-300x45.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/a>Mehrfach lassen sich deutliche Parallelen zwischen Kate Bushs Klavierliedern und den romantischen Liedern von Franz Schubert ziehen. Um diese \u00c4hnlichkeit zu veranschaulichen soll nun exemplarisch Kate Bushs Klavierlied \u201eMrs.Bartolozzi\u201c mit Franz Schuberts \u201eGretchen am Spinnrad\u201c Op. 2 verglichen und in Beziehung gesetzt werden.<br \/>\nSchuberts besondere F\u00e4higkeit als Liederkomponist machte sich laut einer Aussage des romantischen Komponisten und Klaviervirtuosen Franz Liszt mitunter darin bemerkbar, dass er die F\u00e4higkeit besitze, \u201eGef\u00fchle in begrenzte, aber scharf ausgepr\u00e4gte Konturen\u201c zu fassen und \u201elyrische Inspirationen im h\u00f6chsten Grade zu dramatisieren\u201c. Auff\u00e4llig ist hierbei, dass auch die Besonderheit von Kate Bushs Schaffen, von ihren Kollegen und Zeitgenossen auf eine ganz \u00e4hnliche Weise beschrieben wird. Die Journalistin Lisa Ortgies beschreibt im Rahmen einer Dokumentation des Senders ARTE Kate Bushs musikalische Inszenierung lyrischer Inspiration wie folgt: \u201eKate Bush has covered the story as if she was the spirit of the Bronte-sisters\u201c. Auch die Autorin Celeste Fraser Delgado \u00e4u\u00dfert sich zur Behandlung der menschlichen Gef\u00fchlswelt in Bushs Arbeiten:<br \/>\n<span style=\"color: #000000;\"><em>\u201eI think she is very different from american popstars because, most of them always sing the same kind of love song. What makes Kate Bush different is that she explores the complicated and contradictory feelings people have in the experience of love\u201c.<\/em><\/span><br \/>\nW\u00e4hrend Schuberts \u201eGretchen am Spinnrad\u201c einem Text von Johann Wolfgang von Goethe zu Grunde liegt, stammt der Liedtext zu Mrs. Bartolozzi von Kate Bush selbst. Doch scheint ein Vergleich der beiden Lieder auch insofern sinnvoll, da Bush sich immer wieder bei Goethes Faust bedient, wenn es darum geht, dass Menschen bei dem Versuch alles rational erfassen und ergr\u00fcnden zu wollen, scheitern. Zuerst sollte man sich die wichtigsten Merkmale der Klavierlieder Schuberts vor Augen f\u00fchren, um deren Verwendung und Transformation in Kate Bushs Liedern besser zu verstehen.<br \/>\nGenerell ist festzuhalten, dass die Melodik in Schuberts Liedern vor allem von kleinen Intervallschritten gepr\u00e4gt ist und eher selten gr\u00f6\u00dfere Spr\u00fcnge aufweist. Seine Lieder sind sehr kantabel und beinhalten meist ausgedehnte rezitativische Passagen. So bekommt die Verwendung von Spr\u00fcngen und ariosen Partien meist auch eine wichtige Bedeutung auf inhaltlicher und interpretatorischer Ebene. Gleichzeitig implizieren seine Lieder einen sehr opernhaften Gestus, der durch die Emanzipation der Klavierbegleitung verst\u00e4rkt wird. Dies gilt auch f\u00fcr Bushs Kompositonsstil. Hiermit wurde bereits ein weiteres Merkmal des schubertschen Klavierliedes genannt. Der Klaviersatz dient nun nicht mehr ausschlie\u00dflich der Harmonisierung einer Gesangsmelodie, sondern wird zum eigenst\u00e4ndigen Partner der Gesangsstimme.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/bartolozzi.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-3025\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/bartolozzi.jpg\" alt=\"bartolozzi\" width=\"400\" height=\"334\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/bartolozzi.jpg 400w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/bartolozzi-300x250.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a>Oftmals dient der Klaviersatz als formgebendes Element auf rhythmischer Ebene, zeichnet Bewegungsabl\u00e4ufe ab oder bildet gar eine Nebenstimme zum Gesang. So kann auch die N\u00e4he zwischen S\u00e4nger und Klavier als interpretatorisches Mittel genutzt werden. Was Franz Schuberts wie auch Kate Bushs Klavierlieder auszeichnet ist, dass sich beide bereits wohl bekannter Formern und Mittel bedienen, sie jedoch in ungewohnter, neuer Weise zum Einsatz bringen und diese in einen neuen Kontext stellen.<br \/>\nEin weiterer typischer Charakter f\u00fcr das romantische Klavierlied ist seine von Terzabst\u00e4nden gepr\u00e4gte Harmonik. Der starke Wechsel zwischen Moll und Dur und der damit verbundene Wechsel der Stimmungen. Auch fr\u00fche Modulationen, die besondere Verwendung der Subdominante, der Verzicht auf harmonische Logik, Plagalschl\u00fcsse anstelle authentischer Kadenzen, auff\u00e4llige Tonrepetitionen, Tonartendeutung und die Verwendung fester rhythmischer Bewegungsabl\u00e4ufe sind genretypisch.<br \/>\nW\u00e4hrend Schuberts Gretchen am Spinnrad in Liebeskummer versunken die F\u00e4den ihres bevorstehenden Schicksals spinnt, findet sich Kate Bushs Mrs. Bartolozzi beim W\u00e4schewaschen mit ihrer neuen Waschmaschine wieder.<br \/>\nBeide Frauen schwelgen in schwermelancholischer Erinnerung an ihre M\u00e4nner und sind eingebunden in hausfrauliche T\u00e4tigkeiten. In beiden Liedern stellt das Fenster als typisch romantisches Symbol die Verbindung zu nicht erreichbaren Welten, Sehns\u00fcchten, Personen dar und zugleich die Situation einer isolierten Wartenden, die in diesem Kontext im Schatten ihres ber\u00fchmten bzw. erfolgreichen Mannes steht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"><em>\u201e\u2026 Nach ihm schau ich zum Fenster hinaus\u2026\u201c (aus Gretchen am Spinnrad)<\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000000;\"> <em>\u201e\u2026 Out of the corner of my eye I think I see you standing outside\u2026\u201c (aus Mrs. Bartolozzi).<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um das Bild des romantischen Fensterblickes zu verst\u00e4rken, f\u00fcgt Kate Bush in ihrem Booklet direkt neben den zitierten Vers, das Bild eines alten Fensters ein, das dem Betrachter einen diffusen Ausblick in einen sommerlichen Garten erm\u00f6glicht. Im Zentrum des Gartens ist eine behangene W\u00e4scheleine zu sehen.<br \/>\nBetrachtet man beide Lieder nun auch auf tonaler Ebende, so f\u00e4llt auf, dass beide in der Tonart D-Moll, einer Tonart die der Schillingschen Encyclop\u00e4die nach zur Darstellung \u201eschwerm\u00fcthiger Weiblichkeit\u201c dient und \u201etiefe Trauer\u201c zum Ausdruck br\u00e4chte. Es scheint also schl\u00fcssig, dass sich Schubert dieser Tonart hinsichtlich seiner Textvorlage bedient und es mag auch kein Zufall sein, dass Bush in ihrer Rezeption der Romantik ebenfalls D-Moll als Tonart vorzieht. Obgleich dies in direkter Anlehnung zu Schuberts romantischem Schl\u00fcsselwerk \u201eGretchen am Spinnrad\u201c geschehen sein mag, oder ob sie auf Grund ihrer Sensibilit\u00e4t und Faszination f\u00fcr Tonarten instinktiv D-Moll als Haupttonart gew\u00e4hlt hat bleibt offen.<br \/>\nSo l\u00e4sst sich der harmonische und thematische Rahmen durchaus als nahezu deckungsgleich definieren. W\u00e4hrend bei Schuberts Gretchen die Unruhe zum Programm wird, liegt bei Kate Bush der Fokus bei der Monotonie. In beiden F\u00e4llen wird das Warten und das Trauern zum undurchdringlichen Kreislauf im Klaviersatz um den sich alle Gedanken drehen. Bei Schubert durch schnelle, gleichm\u00e4\u00dfige, in sich kreisende Sechzehntelfiguren im pianissimo, einer gleichf\u00f6rmigen Begleitstruktur im 6\/8 Takt und einem Orgelpunkt in der linken Hand. Bei Bush durch ein gleichbleibendes Muster aus ab- und wieder aufsteigenden Viertel- und Achtelnoten in der rechten Hand, w\u00e4hrend die linke Hand ebenfalls einen Orgelpunkt bildet und dazu auf der Quinte eine rhythmisch fixe, rezitativische Begleitung aufbaut.<br \/>\nFestzuhalten ist, dass die jeweils rechte Hand der beiden Klaviers\u00e4tze ein sehr regelm\u00e4\u00dfiges, typisches Kreisen, der Maschinen skizziert, w\u00e4hrend die linke Hand den Rhythmus des Fu\u00dfpedals am Spinnrad oder das Pumpen der Waschmaschine vertont. Gleichzeitig steht jenes Kreisen f\u00fcr ein mentales Kreisen und gefangen sein der Protagonistinnen.Um die Monotonie und Eint\u00f6nigkeit zu illustrieren, verwenden beide Komponisten \u00fcber weite Strecken hinweg feste Akkordfolgen als Grundlage ihres maschinenhaften, statischen Klaviersatzes.<br \/>\nSchubert w\u00e4hlt als Akkordfolge (Takt 49-65), ein Muster, das den jeweils neuen Akkord erst \u00fcber einen bereits voraus greifenden Dominantseptklang erreicht. So gelingt es ihm von E-Dur (Takt 49) bis nach B-Dur zu modulieren um rechtzeitig am H\u00f6hepunkt des Textes angelangt, mit s\u00e4mtlichen logischen, harmonischen Gesetzen zu brechen.<br \/>\nBei Bush gestaltet sich die harmonische Begleitung ganz \u00e4hnlich. Schon Takt eins beginnt mit einem dominantischen Septakkord in Moll, welcher bereits auf Schlag zwei zum Akkord der Haupttonart D-Moll f\u00fchrt. Die Begleitung besteht also aus einem Wanken zwischen der Tonika D-Moll und der Molldominante A-Moll. Die Besonderheit ist hierbei jedoch die linke Hand, die mit ihrem permanenten Orgelpunkt auf dem Ton d.<br \/>\nEine st\u00e4ndige Spannung zwischen Orgelpunkt und der Terz des A-Moll Dreiklangs, aber auch die Reibung zwischen der Quinte des Tonikaklangs D-Moll und einer hinzugef\u00fcgten Sexte h, lassen den Eindruck eines krampfhaften Festhaltens an Erinnerungen entstehen.<br \/>\nEine Spannung die sich nie ganz aufzul\u00f6sen scheint und wenn, dann nur scheinbar. M\u00f6glicherweise findet hier die Vertonung eines \u201eNicht loslassen wollen\u201c der verwitweten Mrs. Bartolozzi statt. Die Aufl\u00f6sung in harmonisch klare Gefilde h\u00e4tte auch dem Reinigungsprozess ihrer zu waschenden W\u00e4sche gleichgesetzt einen aus ihrer Sicht, den Geliebten vermeidlich ausl\u00f6schenden Akt zur Folge.<br \/>\nDer H\u00f6hepunkt in der Melodik findet sich in Takt 100 auf dem Ton Es, der harmonisch von einem C-Moll Akkord mit None harmonisiert wird. Hier befindet sich Bush harmonisch eigentlich auf der Dominantparallele jedoch wieder in einer Mollvariante. Die gew\u00e4hlten Akkorde sind demnach nicht wirklich eindeutig miteinander verwandt, sondern stehen lediglich in Terzverwandtschaft zueinander, was auch als ein typisches Merkmal, die Harmonik der schubertschen Klavierlieder auszeichnet. Durch den stetigen Wechsel von Moll und Dur und der Verwendung von Terzr\u00fcckungen entstehen starke Eintr\u00fcbungen, die einen wichtigen Beitrag zur Stimmung der Lieder leisten.<br \/>\nAbschlie\u00dfend l\u00e4sst sich festhalten, dass die Klavierlieder von Kate Bush oftmals auf thematischer, harmonischer und vor allem auf der Ebene der Klavierbegleitung einen sehr romantischen Gestus entwickeln. Die Art des Gesangs pendelt dabei immer wieder zwischen klassischer Gesangstechnik und improvisierender Popstimme, was dazu f\u00fchrt, dass die Atmosph\u00e4re der Lieder an die opernhaften Z\u00fcge der romantischen Kunstlieder erinnert. <strong>Thomas Sch\u00f6berl<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mehrfach lassen sich deutliche Parallelen zwischen Kate Bushs Klavierliedern und den romantischen Liedern von Franz Schubert ziehen. Um diese \u00c4hnlichkeit zu veranschaulichen soll nun exemplarisch Kate Bushs Klavierlied \u201eMrs.Bartolozzi\u201c mit Franz Schuberts \u201eGretchen am Spinnrad\u201c Op. 2 verglichen und in Beziehung gesetzt werden. Schuberts besondere F\u00e4higkeit als Liederkomponist machte sich laut einer Aussage des romantischen &hellip; <\/p>\n<p><a class=\"more-link btn\" href=\"http:\/\/morningfog.de\/?p=3023\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[31],"tags":[475,542,274],"class_list":["post-3023","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rezensionen","tag-abc","tag-mrs-bartolozzi","tag-thomas","item-wrap"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3023","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3023"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3023\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3036,"href":"http:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3023\/revisions\/3036"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3023"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3023"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3023"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}