{"id":2886,"date":"2015-01-28T07:14:34","date_gmt":"2015-01-28T06:14:34","guid":{"rendered":"http:\/\/morningfog.de\/?p=2886"},"modified":"2015-01-05T23:24:43","modified_gmt":"2015-01-05T22:24:43","slug":"das-song-abc-how-to-be-invisible","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/morningfog.de\/?p=2886","title":{"rendered":"Das Song-ABC: How to be invisible"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2606\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc.jpg\" alt=\"abc\" width=\"620\" height=\"95\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc.jpg 620w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc-300x45.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/a>Leicht und fast eing\u00e4ngig kommt dieser Song daher. Durchsichtig und klar ist er gestaltet. Er ist so beschwingt, dass er sich auch als Single gut geeignet h\u00e4tte. Es ist eine &#8222;weitere Gruselgeschichte, die auf einem wunderbar elastischen, d\u00fcsteren Rhythmus dahingleitet. Kate Bush ist die Hexe mit ihrem &#8218;Blindenschrift-Auge&#8216; und ihrem &#8218;Anoraksaum&#8216;, jeder Windhauch und jedes fallende Blatt zeugt m\u00f6glicherweise von einer unsichtbaren Macht, die die Welt durchstr\u00f6mt. Und kann es ein besseres Bild f\u00fcr ihre Musik geben, als eine Million T\u00fcren, von denen jede zu einer weiteren Million f\u00fchrt?&#8220; [1].<br \/>\nDas Lied beginnt mit dem Wort &#8222;Ich&#8220;, die S\u00e4ngerin spricht in der ersten Person. Sie singt davon, wie man aus den Augen anderer Leute verschwinden kann, wie man sich unsichtbar machen kann. Das Lied erz\u00e4hlt aber auch vom Wunsch danach, neue Wege und neue M\u00f6glichkeiten erkunden zu k\u00f6nnen. Es ist ein Eintauchen in die Welt des \u00dcbernat\u00fcrlichen, der Geheimnisse, der verborgenen M\u00f6glichkeiten. Inhaltlich sind wir damit bei Themen, die sich wie ein roter Faden durch das Schaffen von Kate Bush ziehen.<br \/>\nWie so oft bei Kate Bush gibt es eine literarische Beeinflussung. In einer Besprechung zu &#8222;Aerial&#8220; [2] findet sich ein Verweis auf die Fantasy-Trilogie &#8222;His dark materials&#8220; von Philip Pullman (Zitat: &#8222;How To Be Invisible is a great song with a possible hint of His Dark Materials, describing a secret recipe for not being seen.&#8220;). Aus einem Interview mit Del Palmer [3] erf\u00e4hrt man, dass der Schriftsteller offenbar mit Kate Bush Kontakt hatte. Del Palmer streitet nicht ab, dass es Beziehungen zwischen diesem Song und den Fantasyromanen geben k\u00f6nnte (&#8222;Yes, it does I Suppose&#8220;). In der Trilogie wird die Geschichte eines jungen M\u00e4dchens (Lyra Belacqua) erz\u00e4hlt, das in einer magischen, feindlichen Welt zu sich selbst finden muss. In dieser Welt haben Personen die Eigenschaft, sich unsichtbar zu machen, indem sie sich quasi vor den Blicken anderer ausblenden. In dieser Welt k\u00f6nnen Menschen T\u00fcren zu anderen Welten \u00f6ffnen. Da Kate Bush sp\u00e4ter den Song &#8222;Lyra&#8220; zur Verfilmung des ersten Romans beisteuerte, erscheint es wahrscheinlich, dass sie sich auch vorher schon mit den Romanen besch\u00e4ftigt hat. Die Themen des sich Findens, des Wanderns zwischen den Welten, die Stimmung des \u00dcbernat\u00fcrlichen &#8211; das spiegelt sich wider.<br \/>\nDer eing\u00e4ngige Ton des Songs wird durch eine mysteri\u00f6se Beschw\u00f6rung unterbrochen. Es ist Musik wie aus einer fremden Zeit. Mit ganz merkw\u00fcrdigen T\u00f6nen (die an quietschende T\u00fcren erinnern) wird ein Zauberspruch gesungen. Ich musste sofort an die Beschw\u00f6rungen der Hexen in Shakespeares &#8222;Macbeth&#8220; (4. Akt, Szene 1) denken. W\u00e4hrend dort mit Ingredienzen von Fabeltieren usw. gearbeitet wird, geschieht hier der Zauber mit Bestandteilen der Gegenwart. Das Auge der Blindenschrift wird verwendet, der Saum des Anoraks, der Bl\u00fctenstil des Mauerbl\u00fcmchens, ein Haar der T\u00fcrmatte. Dies sind alles Dinge, die mit dem Verbergen, dem nicht gesehen Werden, dem unsichtbar Werden zu tun haben: die Schrift der nicht Sehenden, der Anorak in dem man sich verstecken kann, das von niemanden beachtete Mauerbl\u00fcmchen, die T\u00fcrmatte vor der alles verschlie\u00dfenden T\u00fcr. &#8222;Wallflower&#8220;, &#8222;Doormat&#8220; und &#8222;Anorak&#8220; &#8211; das sind umgangssprachlich Personen, die nicht beachtet werden. &#8222;Doormat&#8220; ist eine Person, auf der alle nur herumtrampeln, ein &#8222;Anorak&#8220; ist der typische Nerd, das Mauerbl\u00fcmchen wird links liegengelassen. Durch den Zauberspruch wird man unsichtbar, weil man sich in eine Person verwandelt, die \u00fcbersehen wird.<br \/>\nIn der zweiten Strophe singt Kate von den Millionen Korridoren, T\u00fcren und M\u00f6glichkeiten, die sich in der Welt des Unsichtbaren ergeben. Oder in der Welt insgesamt, wenn man unsichtbar ist? Geheimnisse deuten sich an, auch im musikalischen Ton. Aber auch die Gefahren werden geschildert (in der dritten Strophe), wenn man sich in das Unsichtbare begibt. Sind Ger\u00e4usche drau\u00dfen nat\u00fcrliche Ger\u00e4usche, oder bewegt sich dort jemand im Verborgenen (&#8222;Is that an autumn leaf falling? Or ist that you, walking home?&#8220;)? Die Stimmung des Liedes ist nun fast von D\u00fcsternis gepr\u00e4gt. Diese Passage wird durch einen geheimnisvollen und unwirklichen Frauenchor begleitet, der so klingt als ob die Hexen aus Macbeth jetzt in der realen Welt singen. Manchmal h\u00f6rt es sich an, als heule der Wind durch leere G\u00e4nge. Ganz zum Schluss des Songs gibt es wieder dieses Pfeifen, ein bisschen wie das Pfeifen in einem dunklen Wald. Das Labyrinth des Unsichtbaren ist betreten worden.<br \/>\nDie Strophe \u00fcber die Millionen Korridore spielt mit Themen wie der Abkapselung von der Umwelt und dem Versenken in die eigene Vorstellungs- und Gedankenwelt. Es geht um eine &#8222;Losl\u00f6sung von der Wirklichkeit zusammen mit dem relativen oder absoluten \u00dcberwiegen des Innenlebens&#8220; (so 1911 vom Schweizer Psychiater Bleuler zum Themas Autismus, [4]). War Kate als Teenager nicht auch sehr introvertiert? Und scheute sie nicht jahrelang die \u00d6ffentlichkeit? Hochbegabungen und ein in sich selbst Zur\u00fcckziehen sind nicht selten gekoppelt. Meiner Ansicht nach spricht viel daf\u00fcr, dass sie hier auch ein Lied \u00fcber sich selbst geschrieben hat, \u00fcber ihre Situation in den zw\u00f6lf Jahren vor &#8222;Aerial&#8220;, \u00fcber ihr langj\u00e4hriges Verschwinden, \u00fcber ein dadurch m\u00f6gliches befreites und selbstbestimmtes Leben. &#8222;How to be invisible&#8220; ist Kate Bushs dargelegter Zauber, vor der Welt unsichtbar zu werden. Es ist aber auch ein Lied dar\u00fcber, welche unbekannten Welten sich \u00f6ffnen, wenn man so wie sie als Teenager den Schritt in die Musik wagt.<br \/>\nDas Sch\u00f6ne an &#8222;How to be invisible&#8220; ist, dass es trotz dieser vielen verschiedenen Bez\u00fcge eine Einheit ist. Es zeichnet Kate Bush aus, dass sie fast spielerisch ganz gegens\u00e4tzliche Elemente zu etwas Perfektem verschmelzen kann. Sie wirft merkw\u00fcrdige Ingredienzen in ihren Kessel und heraus kommt ein Zauber. Genau das ist ihre Hexenkunst.<br \/>\n(\u00a9 <strong>Achim\/aHAJ<\/strong>)<\/p>\n<p>[1] Graeme Thomson: Kate Bush. Under the ivy. 2013. Bosworth Music GmbH. S. 379<br \/>\n[2] Jim Irvin: Aerial. Mojo 12\/2005<br \/>\n[3] &#8222;The Del Palmer Interview&#8220;. Homeground 78. S.16<br \/>\n[4] <a href=\"http:\/\/www.autismus-nordbaden-pfalz.de\/autismus.htm\">http:\/\/www.autismus-nordbaden-pfalz.de\/autismus.htm<\/a> (gelesen 30.12.2014)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leicht und fast eing\u00e4ngig kommt dieser Song daher. Durchsichtig und klar ist er gestaltet. Er ist so beschwingt, dass er sich auch als Single gut geeignet h\u00e4tte. Es ist eine &#8222;weitere Gruselgeschichte, die auf einem wunderbar elastischen, d\u00fcsteren Rhythmus dahingleitet. Kate Bush ist die Hexe mit ihrem &#8218;Blindenschrift-Auge&#8216; und ihrem &#8218;Anoraksaum&#8216;, jeder Windhauch und jedes &hellip; <\/p>\n<p><a class=\"more-link btn\" href=\"http:\/\/morningfog.de\/?p=2886\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[31],"tags":[475,50,504],"class_list":["post-2886","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rezensionen","tag-abc","tag-achim","tag-how-to-be-invisible","item-wrap"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2886","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2886"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2886\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2889,"href":"http:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2886\/revisions\/2889"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2886"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2886"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2886"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}