{"id":2139,"date":"2014-08-26T00:15:31","date_gmt":"2014-08-25T22:15:31","guid":{"rendered":"http:\/\/morningfog.de\/?p=2139"},"modified":"2014-08-26T07:13:13","modified_gmt":"2014-08-26T05:13:13","slug":"wie-ordnet-man-kates-musik-ein","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/morningfog.de\/?p=2139","title":{"rendered":"Wie ordnet man Kates Musik ein?"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/tumblr_n4l12mDGYa1ssnjgbo1_500.gif\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2140\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/tumblr_n4l12mDGYa1ssnjgbo1_500.gif\" alt=\"tumblr_n4l12mDGYa1ssnjgbo1_500\" width=\"500\" height=\"500\" \/><\/a>Es ist so weit: 35 Jahre nach ihrer ersten und einzigen Tournee wird Kate Bush heute Abend erstmals wieder ein eigenes Konzert geben. Alle 22 Konzerte sind seit Monaten ausverkauft &#8211; die Party kann beginnen. Vieleicht ist das genau der passende Moment, zu versuchen, Kates Musik einzuordnen &#8211; abseits der \u00fcblichen biographischen Angaben. Die Anf\u00e4nge 1978 sind bekannt: Mitten in die Punk-Bewegung und das normale Disco-Gestampfe platzt ein junges M\u00e4dchen mit ungew\u00f6hnlicher Stimme und singt \u00fcber einen englischen Literaturklassiker, den sie bis dahin nur als Film gesehen hat und erz\u00e4hlt die Geschichte von <em>Wuthering Heights<\/em> in f\u00fcnf Minuten Musik eindringlicher, als es 90 Minuten Film verm\u00f6gen. In der von M\u00e4nnern gepr\u00e4gten Musikwelt schafft sie es als erste Frau mit einem selbstgeschriebenen Song auf Platz 1 der englischen Charts. Es gab damals keine vergleichbare Musik; schon gar niemanden, der wie in dem Song <em>Strange Phenomena<\/em> das Thema Menstruation verarbeitete. Kate Bush war nie provokativ, aber immer deutlich. Im September 1978 tritt sie in einer Kindersendung der BBC auf, unterh\u00e4lt sich erst mit dem Moderator und singt dann den Song <em>Kashka from Baghdad<\/em>. 1978. BBC. Kindersendung. In dem Song geht es um zwei schwule M\u00e4nner, die zusammen leben. Oder ein Jahr sp\u00e4ter: der Song <em>Wow<\/em>, in dem es um junge Schauspieler geht und was sie f\u00fcr ihre Karriere alles machen &#8211; in einem Popsong, der so unscheinbar daherkommt. Wow. Unbelieveable. Daf\u00fcr lassen sich viele weitere Beispiele finden. Von <em>Army Dreamers<\/em>, in dem sie aus der Sicht einer Mutter zwei Jahre vor dem Falkland-Krieg den Irrsinn von Kriegen anschaulich deutlich macht oder in <em>Breathing<\/em>, wo sie inmitten der Diskussion um den Nato-Doppelbeschluss die \u00c4ngste vor einem atomaren Krieg verarbeitet.<\/p>\n<p>Und dann kommt das, was die meisten Kritiker vollkommen verst\u00f6rt hat: ein nicht-kommerzielles Album, mit dem Kate nicht zum letzten Mal allen Konventionen trotzt und dem Synonym &#8222;elfenhaft&#8220; gerne noch der Begriff &#8222;verschroben&#8220; hinzugef\u00fcgt wird. <em>The Dreaming<\/em> ist schon deshalb eine musikalische Offenbarung, weil Kate erstmals das durchsetzt, was sie von Anfang an wollte: ihre Songs selbstverantwortlich zu produzieren. Auch im Jahr 1982 ist das immer noch die absolute Ausnahme. Erst recht, wenn es um musikalisch schwer verdauliche Kost geht, die nicht dem Hitparaden-kompatiblem Mainstream entspricht, sondern ein Zuh\u00f6ren und Mitf\u00fchlen erfordert. <em>This album was made to be played loud.<\/em> Dass Kate drei Jahre sp\u00e4ter mit <em>Hounds of Love<\/em> pl\u00f6tzlich wieder den Mainstream trifft und das Album mit zu ihren erfolgreichsten Platten geh\u00f6rt, ist verwunderlich. Auch deshalb, weil potenziell viele K\u00e4ufer die zweite Seite vermutlich nur selten geh\u00f6rt haben. F\u00fcnf Songs gibt es auf Seite eins, vier davon erscheinen als Single und sind dank aufw\u00e4ndiger Video-Produktionen unter anderem mit Donald Sutherland \u00fcberaus erfolgreich. Die zweite Seite <em>The Ninth Wave<\/em> ist eine Art Konzeptalbum und gilt bis heute als eines ihrer Meisterwerke &#8211; inhaltlich wie musikalisch. Wie ein Film f\u00fcr die Ohren, wie es k\u00fcrzlich <em>Bradley Brady<\/em> in seinem wundervollen Blog so treffend beschrieben hat. Nie war Kate pr\u00e4senter als damals. F\u00fcr viele, die sie eher nebenbei geh\u00f6rt haben, hat sich die Kate Bush von 1985 manifestiert. Und wenn man heute erz\u00e4hlt, dass man zu einem Kate Bush-Konzert f\u00e4hrt und die zu erwartende Antwort erh\u00e4lt &#8222;Wie, die gibt es noch?!&#8220;, kann man das Bild einer Kate von 1985 sehen, wie sie gerade <em>Running up that hill<\/em> singt. Dabei gab es danach noch Alben wie <em>The Sensual World<\/em> oder <em>The Red Shoes<\/em>. Wer kann so wie Kate James Joyce in eigenen Worten vertonen? Oder so einen Song wie <em>Rocket&#8217;s Tail<\/em> schreiben und dabei das Trio Bulgarka mit David Gilmour zusammenf\u00fchren? Und wer einmal <em>Moments of Pleasure<\/em> geh\u00f6rt hat, muss einfach dahinschmelzen.<\/p>\n<p>Statt der erwarteten neuen Tour gibt es dann &#8211; nichts. Warten. Zw\u00f6lf Jahre lang. Vielleicht ist es genau die Abwesenheit gewesen, die bei ihren Fans dazu gef\u00fchrt hat, ihr die Treue zu halten. War Kate bis 1993 Teil des Musikgesch\u00e4ftes, galt sie danach schlicht als verschollen. 15 Jahre lang hat sie Alben ver\u00f6ffentlicht, Videos produziert und eine konzeptionell wegweisende Tour absolviert. Und mit ihrer Musik wiederum andere Musiker und vor allem Musikerinnen gepr\u00e4gt. Von Bj\u00f6rk bis Coldplay, von Outkast bis Johnny Rotten (!), Tori Amos oder Tricky &#8211; Kate Bush hat mit ihrer Musik viele Wege bereitet. Und sich selbst von Album zu Album stets weiterentwickelt, allen Pop-Konventionen entzogen. Als sie nach zw\u00f6lf Jahren Wartezeit ihr Doppelalbum <em>Aerial<\/em> ohne gro\u00dfe Promotion auf den Markt bringt, das angelehnt an <em>Hounds of Love<\/em> wieder mit einer Konzeptseite und Songs, die vollkommen aus dem Rahmen fallen, aufwartet, singt sie nebenbei \u00fcber eine Waschmaschine oder die Zahl Pi und unterh\u00e4lt sich mit V\u00f6geln. Klingt spinnert, ist musikalisch aber absolut berauschend. Seit Pink Floyd&#8217;s<em> The Wall<\/em> hat mich kein Konzeptalbum mehr ber\u00fchrt als <em>Aerial<\/em>. Sie produziert analog, verweigert sich nahezu komplett der Remaster ihrer bisherigen Alben, ver\u00f6ffentlicht wieder auf Vinyl. 2011 folgt mit <em>50 Words for Snow<\/em> ein leicht jazzig angehauchtes, piano-lastiges Album, das \u00e4hnlich skurrile Geschichten vorweisen kann: wer, bittesch\u00f6n au\u00dfer Kate Bush, kann ernsthaft \u00fcber Sex mit einem Schneemann singen, ohne, dass es peinlich wird?<\/p>\n<p>22 Konzerte wird Kate Bush ab heute geben. 22 Konzerte, auf die viele Fans seit Jahren, teilweise seit Jahrzehnten gehofft haben. F\u00fcr die meisten Fans war die Wiedervereinigung von Abba wahrscheinlicher. Um Kate einmal live zu h\u00f6ren, fliegen Fans aus Japan, Neuseeland, Australien, den USA und Kanada nach London. Und ziemlich viele aus Deutschland. Und das Verr\u00fcckteste: Niemand hat einen blassen Schimmer, was \u00fcberhaupt bei den Konzerten passieren wird. Nur so viel: sie wird fast 30 Jahre alte Songs von <em>The Ninth Wave<\/em> singen. Aber es wird vermutlich die einzige Gelegenheit sein, sie \u00fcberhaupt live zu h\u00f6ren. Und das reicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist so weit: 35 Jahre nach ihrer ersten und einzigen Tournee wird Kate Bush heute Abend erstmals wieder ein eigenes Konzert geben. Alle 22 Konzerte sind seit Monaten ausverkauft &#8211; die Party kann beginnen. Vieleicht ist das genau der passende Moment, zu versuchen, Kates Musik einzuordnen &#8211; abseits der \u00fcblichen biographischen Angaben. 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